Biologische Modelle

65 Einleitung: Biologische Modelle

Aus der Perspektive der biologischen Modelle ist abweichendes Verhalten eine Krankheit, die durch körperliche Funktionsstörungen verursacht wird, vor allem durch Funktionsstörungen des Gehirns. Verhalten und Erleben können deshalb nur dann umfassend verstanden werden, wenn die biologischen Grundlagen der Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen berücksichtigt werden.

(c) www.eika.net/

Was sind die Ursachen biologischer Abweichungen? Eine grosse Anzahl verschiedener Faktoren können daran beteilgt sein, von Kopfverletzungen, Ernährungs- und Stoffwechselproblemen über Gefässerkrankungen und Virusinfektionen bis zu genetischen und evolutionären Faktoren.

Die biologischen Modelle wurden im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer bedeutender, insbesondere seit den 1950er Jahren, als es gelang, verschiedene wirksame psychotrope Medikamente in reiner Form herzustellen oder zu synthetisieren. Diese Substanzen wirken auf die Denk- und Erlebensprozesse und dämpfen in einigen Fällen die Symptome psychischer Störungen. Die Prognosen für eine Reihe von Krankheiten wurden dadurch stark verbessert. Angstlösende, antidepressive, antipsychotische und andere psychotrope Medikamente haben das Bild der Behandlung psychisch kranker Menschen verändert, und sie werden heute häufig eingesetzt, entweder ergänzend zu anderen Therapien oder als primäre Therapieform (Comer, 2008).

Biologische Erklärungsmodelle für herausforderndes Verhalten werden hauptsächlich im Rahmen der biologischen Psychologie und der Neuropsychologie entwickelt. Weitere wissenschaftliche Richtungen im Kontext der biologischen Modellvorstellungen werden auf der folgenden Seite vorgestellt und definiert.

Biologische Modelle abweichenden Verhaltens vermuten die Ursache in anatomischen oder biochemischen Problemen in Gehirn und Körper. Die Hintergründe können genetischer oder evolutionärer Natur sein, oder auch Folgen von Virusinfektionen (Comer, 2008).

Begriffe und Abgrenzungen

(c) planet-schule.de

Biologische Modelle des Verhaltens und des herausfordernden Verhaltens werden von verschiedenen Forschungsdisziplinen angeboten; mit biologischen Erklärungen befassen sich unter anderem die Neuropsychologie und die biologische Psychologie, welche beiden zugleich die wichtigsten Disziplinen im hier verwendeten Kontext darstellen.

Im Folgenden sollen die wichtigsten dieser Forschungsdisziplinen ganz kurz charakterisiert werden, um die Hintergründe der biologischen Modelle verstehen und einordnen zu können (nach Birbaumer & Schmidt, 2010).

Biologische Psychologie

Die biologische Psychologie (oder Biopsychologie) beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen biologischen Prozessen und Verhalten. Dabei werden die Lebensprozesse aller Organe des Körpers, nicht nur des Gehirns, betrachtet, die für das Verständnis von Verhaltensleistungen von Bedeutung sind.

Physiologische Psychologie

Die physiologische Psychologie (weitere Bezeichnungen für diese Disziplin sind Psychobiologie oder Verhaltensneurowissenschaft) untersucht die Beziehungen zwischen Gehirn und Verhalten, vor allem mit Hilfe von Tierversuchen.

Neuropsychologie

Die Methoden und Aufgaben der Neuropsychologie gleichen denen der physiologischen Psychologie, konzentrieren sich aber auf den Menschen. Dabei stehen Patienten mit Störungen und Ausfällen der Hirntätigkeit im Zentrum des Interesses, da sich Experimente am Gehirn des Menschen verbieten.

Psychophysiologie

Die Psychophysiologie untersucht die Beziehungen zwischen verschiedenen biologischen Vorgängen am menschlichen Organismus mit nichtinvasiven Registrier- und Messmethoden.

Physiologische Psychologie, Neuropsychologie und Psychophysiologie werden als Teilgebiete der Biologischen Psychologie betrachtet (Birbaumer & Schmidt, 2010).

Kognitive Neurowissenschaften

Kognitive Neurowissenschaften ist ein Sammelbegriff für die interdisziplinäre Erforschung kognitiver Leistungen, wie Wahrnehmung, Erkennen, Vorstellen, Wissen, Denken, Kommunikation und Handlungsplanung mit neurowissenschaftlichen Methoden.

Vergleiche auch die Beschreibungen in Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Biopsychologie

oder ausführlicher: Petermann, F., Maercker, A., Lutz, W. & Stangier, U. (2011). Klinische Psychologie – Grundlagen (Bachelorstudium Psychologie). Göttingen: Hogrefe. «Die Hauptbereiche der biologischen Psychologie und ihre Methoden»

Biologische Erklärungen abweichenden Verhaltens

Funktionsstörungen des Gehirns werden als Hauptursache für abweichendes Verhalten angesehen, wobei vor allem Probleme der Hirnanatomie und -physiologie Beachtung finden (Comer, 2008).

(c) skip.at/

Abweichendes Verhalten und psychische Störung

Das Gehirn enthält Milliarden von Nervenzellen, die Neuronen, und Milliarden von Hilfszellen (Gliazellen). Innerhalb des Gehirns bilden grosse Neuronenverbände anatomisch unterscheidbare Bereiche oder Hirnregionen. Man nimmt an, dass abweichendes Verhalten auf Störungen in den Zellen dieser Organe zurückgehen und mit Funktionsstörungen der Gehirnzellen zu tun haben könnte. Dabei kann es sich um anatomische oder biochemische Probleme handeln. Im ersten Fall sind Grösse oder Form bestimmter Hirnbereiche abnorm, im zweiten Fall sind es chemische Substanzen, mit denen die Neuronen arbeiten, die fehlerhaft sind (Comer, 2008).

Biologisch orientierte Forschung fand heraus, dass psychische Störungen mit Übertragungsproblemen elektrischer Impulse zusammenhängen können. Auch Abweichungen in der Aktivität verschiedener Neurotransmitter können eine Rolle spielen, ebenso wie Störungen des endokrinen (hormonellen) Systems.

Daneben können biologische Dysfunktionen durch Kopfverletzungen, Gefässerkrankungen oder virale Infekte zustande kommen. Und schliesslich können auch Faktoren wie Vererbung und Evolution (Mutationen) an krankmachenden Prozessen beteiligt sein.

Im Zuge neuropsychologischer Untersuchungen wurden eindeutige Beziehungen zwischen einer Reihe von psychischen Störungen und Störungen im Gehirn festgestellt. Ein Beispiel ist die Chorea Huntington, eine degenerative Erkrankung, die gekennzeichnet ist durch heftige emotionale Ausbrüche, Gedächtnis- und andere kognitive Beeinträchtigungen, Wahnvorstellungen (nämlich hartnäckig vertretene, falsche und absurde Überzeugungen), Suizidgedanken und ausufernde, unkontrollierte Körperbewegungen. Diese Störung konnte auf einen Neuronenverlust im Nucleus caudatus, der zu den Basalganglien zählt und in das präfrontale Hirnareal projiziert, zurückgeführt werden (Comer, 2008, S. 70).

Video: Herausforderndes Verhalten

Herausforderndes Verhalten aus der Sicht von Neurologie und Trauma

Im folgenden Videoausschnitt beschreibt Dr. med. Claudia Croos-Müller Sichtweisen auf herausforderndes Verhalten aus der Perspektive von Neurologie und Trauma (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).

Lizenz

Verhalten: Grundlagen und Modelle Copyright © Margaretha Florin. Alle Rechte vorbehalten.