{"id":420,"date":"2020-02-26T17:22:04","date_gmt":"2020-02-26T16:22:04","guid":{"rendered":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/?post_type=chapter&#038;p=420"},"modified":"2024-10-03T15:03:21","modified_gmt":"2024-10-03T13:03:21","slug":"bezuege-zur-heilpaedagogik-2","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/chapter\/bezuege-zur-heilpaedagogik-2\/","title":{"raw":"Bez\u00fcge zur Heilp\u00e4dagogik","rendered":"Bez\u00fcge zur Heilp\u00e4dagogik"},"content":{"raw":"<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Video: Herausforderndes Verhalten und Achtsamkeit<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Es geht im heilp\u00e4dagogischen Kontext darum, herausforderndes Verhalten zu <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>erkennen<\/i><\/span> und zu <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>verstehen<\/i>.<\/span> Dies erfordert <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Achtsamkeit<\/i><\/span>, und zwar gegen\u00fcber sich selbst, aber auch gegen\u00fcber dem Kind oder Jugendlichen. Damit wird eine Situationsberuhigung erm\u00f6glicht \u2014 ein erster wichtiger Schritt zum Umgang mit herausforderndem Verhalten.<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Im folgenden Video bezeichnet Dr. med. Claudia Croos-M\u00fcller herausforderndes Verhalten als eine Kopfsache und meint damit das <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Erkennen<\/i><\/span> und <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Verstehen<\/i><\/span> von Verhalten (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).<\/p>\r\n\r\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\r\n<div class=\"textbox__content\">Dieser Videoausschnitt enth\u00e4lt eine \u00dcbung in Selbsterfahrung und bringt damit das Thema unmittelbar in einen praktischen Bezug.<\/div>\r\n<\/div>\r\n<figure class=\"wp-block-video\"><video src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/66_Croos-KopfsacheLang.mp4\" controls=\"controls\" width=\"1000\" height=\"150\"><track src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/66_Croos-KopfsacheLang.vtt\" srclang=\"de\" label=\"Deutsch\" kind=\"subtitles\" \/><\/video><\/figure>\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Video: Wohlbefinden ist lebenswichtig<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Traumatisches Erleben f\u00fchrt zu <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">negativen Emotionen und <i>Affekthandlungen<\/i><\/span>, die sich als Verhaltensmuster einpr\u00e4gen und Muster\u00e4nderungen im Gehirn blockieren. Wie Dr. med. Claudia Croos-M\u00fcller im folgenden Videoausschnitt (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014) ausf\u00fchrt, gibt es die folgenden M\u00f6glichkeiten, die Muster\u00e4nderungen bewirken k\u00f6nnen:<\/p>\r\n\r\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">ein Ende der Traumatisierung<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">\u00dcben von Techniken, die positive Emotionen erzeugen<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Begl\u00fcckende Erlebnisse<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Anerkennung von Fortschritten (Stolz statt Scham)<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<figure class=\"wp-block-video\"><video src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/67_Croos-Wohlbefinden-9.mp4\" controls=\"controls\" width=\"1000\" height=\"150\"><track src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/67_Croos-Wohlbefinden-9.vtt\" srclang=\"de\" label=\"Deutsch\" kind=\"subtitles\" \/><\/video><\/figure>\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Beispiel: ADHS und der Stellenwert biologischer Erkl\u00e4rungsmuster<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Becker (2007) wertete f\u00fcr den Zeitraum von 2000 bis 2006 53 Zeitschriftenartikel zum Thema ADHS aus, die aus den Bereichen Schulp\u00e4dagogik, Sozialp\u00e4dagogik und Sonder- bzw. Heilp\u00e4dagogik stammten, und kam zu folgenden Ergebnissen:<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_808\" align=\"alignright\" width=\"266\"]<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-176.png\"><img class=\"wp-image-808 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-176.png\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"177\" \/><\/a> (c) source-connection.ch\/[\/caption]\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Allgemein wird ausf\u00fchrlich \u00fcber die biologischen Grundlagen von ADHS diskutiert, werden Diagnosekriterien erl\u00e4utert, werden gelegentlich Fallbeschreibungen eingebunden. Auch Experten aus anderen Disziplinen kommen zu Wort, ebenso wie Kritiker und Bef\u00fcrworter einer medikament\u00f6sen Behandlung. Die unterschiedlichen Perspektiven auf das Ph\u00e4nomen ADHS lassen sich an bestimmten Deutungsmustern \u00fcber die Ursachen der St\u00f6rung oder aber des Ph\u00e4nomens ADHS als solchem festmachen.<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Frage nach den Ursachen der ADHS wird beinahe in s\u00e4mtlichen Beitr\u00e4gen aufgeworfen. Insbesondere die Behandlung mit Stimulanzien, die in der aktuellen Diskussion \u00fcber Behandlungsmethoden einen hohen Stellenwert einnimmt, wirft die Frage nach dem Ursprung der St\u00f6rung auf. Hinter der Diskussion \u00fcber die Ursachen der ADHS steht die grunds\u00e4tzliche Frage nach dem Anlage-Umwelt-Verh\u00e4ltnis. Hierzu lassen sich in den p\u00e4dagogischen Beitr\u00e4gen drei Positionen unterscheiden (Becker, 2007, S. 190):<\/p>\r\n\r\n<ol class=\"ilc_list_o_NumberedList\">\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Ein Teil der Autoren orientiert sich an den medizinisch gepr\u00e4gten Modellen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und deutet ADHS als eine St\u00f6rung, deren Ursachen prim\u00e4r in der genetischen Ausstattung (Anlage) zu suchen sind. Diese Position wird im Folgenden als \u00abaffirmativ\u00bb bezeichnet.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Des Weiteren gibt es Autoren, die zwar nicht von einer ausschliesslich umweltbezogenen Genese der ADHS ausgehen, die der Perspektive einer prim\u00e4r biologischen Verursachung jedoch kritisch gegen\u00fcberstehen. Diese Position soll deshalb als \u00abkritisch\u00bb gekennzeichnet werden.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Neben diesen beiden Positionen, die vor allem durch ihre unterschiedlichen Haltungen bez\u00fcglich der Genese der ADHS \u2014 und weniger durch ihre Ansichten \u00fcber die Behandlung \u2014 gekennzeichnet sind, findet sich im p\u00e4dagogischen Diskurs eine dritte Position, die eine Sonderstellung einnimmt. Diese Position k\u00f6nnte man am ehesten als \u00abzur\u00fcckweisend\u00bb charakterisieren, da sie ADHS als ein Produkt sozialer Zuschreibungen beschreibt und ihr den Status als Krankheit bzw. psychische St\u00f6rung abspricht. Dementsprechend fragt sie auch nicht nach der Ursachen der ADHS, sondern nach den Ursachen f\u00fcr die Entstehung und Verwendung des \u00abEtiketts ADHS\u00bb, die selbstredend nicht im Kind, sondern in der Gesellschaft zu suchen sind.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Nachfolgend weitere Ausz\u00fcge aus dem Ortiginaltext (Becker, 2007):<\/p>\r\n\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Affirmative Position<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das affirmative Deutungsmuster ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es dem Modell einer <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">prim\u00e4r genetischen Ursache<\/span> der St\u00f6rung folgt. Die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Umwelt<\/span>gewinnt erst dann an Bedeutung, wenn es um die St\u00e4rke der Auspr\u00e4gung der St\u00f6rung geht. Auf diese Weise unterst\u00fctzt diese Position einerseits die Deutungsanspr\u00fcche der Psychiatrie bzw. Medizin, sichert der P\u00e4dagogik jedoch Einflussm\u00f6glichkeiten, indem sie dem starken Gen-Argument ein schw\u00e4cheres, aber dennoch bedeutsames Umwelt-Argument zur Seite stellt. [...]<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das Neurotransmitter- bzw. Dopamin-Modell ist eines der am h\u00e4ufigsten angef\u00fchrten Modelle, wenn es um die biologischen Grundlagen von ADHS geht. Es wird in p\u00e4dagogischen Fachzeitschriften vielfach aufgegriffen, jedoch in aller Regel, auch von Medizinern, nur knapp beschrieben. Das ist insofern problematisch, als es eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit den neurobiologisch gepr\u00e4gten Argumentationsmustern unm\u00f6glich macht. Diese klingen zwar vergleichsweise kompliziert, doch man muss die neurobiologischen Modelle gar nicht bis ins Detail verstehen, um die Kerngedanken zu begreifen. Das eigentlich Interessante am Dopamin-Modell sind n\u00e4mlich nicht die neurophysiologischen Vorg\u00e4nge selbst, sondern die daraus abgeleiteten Kausalannahmen und Schlussfolgerungen, die in der p\u00e4dagogischen Diskussion unhinterfragt rezipiert werden. Am wichtigsten ist hierbei sicherlich, dass die Wirksamkeit von Methylphenidat als Beleg f\u00fcr die Richtigkeit der Dopaminhypothese angef\u00fchrt wird. [...]<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das Dopamin-Modell: Die Wirkung von Methylphenidat bei Menschen mit ADHS ist gut nachgewiesen und wird im Umkehrschluss von einigen Autoren als Beleg f\u00fcr die Richtigkeit der Dopaminhypothese angef\u00fchrt. Die zugrunde liegende Argumentation lautet: Da Methylphenidat die Kernsymptome der ADHS (motorische Unruhe, geringe Aufmerksamkeit, geringe Impulskontrolle) positiv beeinflusst und sich Methylphenidat auf die Wiederaufnahme von Dopamin auswirkt, liegt die Ursache von ADHS in einer verringerten Dopaminkonzentration bzw. in der erh\u00f6hten Bindungskapazit\u00e4t der Dopamintransporter. Und da diese wiederum \u00abgenetisch bedingt\u00bb ist, kann man daran prim\u00e4r mithilfe von Stoffen, die unmittelbar in den Transmitterhaushalt eingreifen, etwas \u00e4ndern (Becker, 2007, S. 192-193).<\/p>\r\n\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Kritische Position<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Ausl\u00f6ser von ADHS werden in konflikthaften Beziehungen und problematischen Lebenssituationen gesucht. Willenbring (2002, S. 34) merkt an, dass hinter \u00abjedem negativen Verhalten ... ein L\u00f6sungsversuch des Kindes [steht, d. Verf.], mit einer problematischen Situation umzugehen\u00bb. Dementsprechend suchen die Kritiker des medizinischen Modells die Ursachen f\u00fcr ADHS im schulischen und pers\u00f6nlichen Umfeld der Kinder. Psychosoziale Belastungsfaktoren h\u00e4tten sich in den letzten Jahrzehnten verst\u00e4rkt und es seien mehr famili\u00e4re <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Risikokonstellationen<\/span> bei gleichzeitig <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">abnehmender Erziehungskompetenz<\/span> zu beobachten (Demisch\/Zillessen 2003, S. 142). In der Schule m\u00fcssten Kinder stillsitzen und \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume aufmerksam zuh\u00f6ren, und einige Kinder seien darauf nicht gut vorbereitet oder es falle ihnen einfach schwerer als anderen. Werning vertritt deshalb die Ansicht, dass sich die Schule, etwa durch mehr Projekte und offenen Unterricht, besser auf die Kompetenzen dieser Kinder einstellen m\u00fcsse (Werning 2002, S. 8ff.) (Becker, 2007, S. 195).<\/p>\r\n\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Zur\u00fcckweisende Position<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die sch\u00e4rfsten Kritiker der ADHS-Debatte vertreten die Ansicht, dass es zwar Kinder und Jugendliche geben mag, die motorisch aktiver, impulsiver und weniger aufmerksam als andere Kinder sind, doch die Etikettierung solcher im Prinzip bei jedem Kind vorkommenden Verhaltensweisen als Krankheit mit dem Namen ADHS lehnen sie ab. S\u00e4mtliche Autoren, die die Diagnose ADHS zur\u00fcckweisen, tun dies unter anderem, indem sie die zugrunde liegenden Vorstellungen von Normalit\u00e4t hinterfragen. Die starke Pr\u00e4senz biologischer Erkl\u00e4rungsmuster in \u00f6ffentlichen und fachwissenschaftlichen Diskursen wird von den Autoren als ein Beleg daf\u00fcr gedeutet, dass ein soziales Problem in ein biologisches umgedeutet wird, um dieses kurzfristig und kosteng\u00fcnstig zu l\u00f6sen.<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Der Sonderp\u00e4dagoge Wolfgang Jantzen zeigt die Zunahme der Verordnung von Ritalin auf und bringt diese am Beispiel der USA in Zusammenhang mit sozialpolitischen Entwicklungen. Dort zeige sich, dass Ritalin den \u00abbilligsten Weg\u00bb darstelle, um Verhaltensauff\u00e4lligkeiten bei Kindern in den Griff zu bekommen (Jantzen 2001, S. 224). Jantzen deutet die Biologisierung von Verhalten im Sinne Foucaults als Ausdruck einer Biopolitik, bei der \u00f6konomische Interessen im Vordergrund st\u00fcnden und \u00abgesellschaftliche Ungleichheit in Biologie umgewandelt\u00bb werde (ebd.). Biologische Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Verhaltensauff\u00e4lligkeiten w\u00fcrden immer dann an Einfluss gewinnen, \u00abwenn das soziale Interesse daran besteht\u00bb, und dieses wiederum werde durch den Verweis auf Kostenfaktoren und den drohenden Ausfall von (menschlichen) Ressourcen gen\u00e4hrt (ebd.) (Becker, 2007, S. 195).<\/p>\r\n\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Becker, N. (2007). Der Stellenwert biologischer Erkl\u00e4rungsmuster in der Debatte \u00fcber ADHS. Eine Analyse p\u00e4dagogischer Zeitschriften. In U. Mietzner, H.-E. Tenorth &amp; N. Welter (Hrsg.), <i><span class=\"ilc_text_inline_Emph\">P\u00e4dagogische Anthropologie. Mechanismus einer Praxis<\/span> <\/i>(Beihefte Zeitschrift f\u00fcr P\u00e4dagogik, Bd. 52, S. 186\u2013201). Weinheim: Beltz. Download <a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"http:\/\/www.pedocs.de\/volltexte\/2013\/7836\/pdf\/Becker_2007_Stellenwert_biologischer_Erklaerungsmuster.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vollst\u00e4ndiger Text.<\/a><\/p>\r\n\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Neurowissenschaften und Bezug zur Psychoanalyse<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die folgenden Gedanken stammen aus dem Buch <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Psychoanalytische Heilp\u00e4dagogik<\/i><\/span> von Manfred Gerspach<span class=\"ilc_text_inline_Emph\"> (2009), <\/span>der in einem speziellen Kapitel <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>psychoanalytische<\/i> <\/span>und <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>neurowissenschatliche<\/i> <\/span>Erkenntnisse in Beziehung setzt.<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Gerspach (2009) diskutiert die Bedeutung der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>neuronal kodierten fr\u00fchen Erfahrungen<\/i><\/span> f\u00fcr die Entwicklung des Kindes. Die Hirnentwicklung eines Kindes ist stark von der emotionalen, sozialen und intellektuellen Kompetenz seiner erwachsenen Bezugspersonen abh\u00e4ngig. Das heisst, dass die neuronalen Verschaltungen und Erregungsmuster von aussen beeinflussbar sind. Die Hirnentwicklung wird also nicht prim\u00e4r durch genetische Programme gesteuert. Die synaptischen Verschaltungsmuster passen sich vielmehr w\u00e4hrend der Hirnreifung an die immer komplexer werdenden Anforderungen an. Das genetische Programm versetzt die sich entwickelnden Nervenzellen lediglich in die Lage, sich zu teilen, solange die \u00e4usseren und inneren Bedingungen daf\u00fcr g\u00fcnstig sind (Gerspach, 2009).<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_809\" align=\"alignright\" width=\"245\"]<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-177.png\"><img class=\"wp-image-809 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-177.png\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"184\" \/><\/a> (c) uzh.ch\/[\/caption]\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die innerhalb der ersten Lebensjahre stattfindende Ausdifferenzierung des Gehirns ist also von der ad\u00e4quaten Stimulierung durch einen anderen Menschen abh\u00e4ngig. Diese Erfahrung aktiviert spezifische neuronale Verbindungen, so dass dar\u00fcber <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">neue Synapsen<\/span> gebildet und bereits vorhandene verst\u00e4rkt werden.<\/p>\r\n\r\n<h3><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Spiegelneuronen<\/span><\/h3>\r\nDie Entdeckung eines Systems von <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Spiegelneuronen<\/i> <\/span>im menschlichen Gehirn zeigte, dass es spezialisierte Gehirnstrukturen gibt, die Beziehungsaufnahme und Beziehungsgestaltung abbilden. \u00abZwischenmenschliche Belastungssituationen [...] oder pure seelische Anspannung [...] haben also die Aktivierung von Genen und somit zahlreiche biologische Effekte zur Folge\u00bb (Bauer 2005, zit. nach Gerspach, 2009, S78).\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Die Beziehungserfahrungen hinterlassen demnach biologische Spuren. Das menschliche Gehirn h\u00e4lt spezialisierte neurobiologische Systeme bereit, um sie zu dekodieren, zu regulieren und in biologische Signale zu konvertieren. Die Spiegelneuronen k\u00f6nnen neurobiologische Mechanismen unterst\u00fctzen, die das Lesen der Gedanken, Gef\u00fchle und Intentionen anderer Menschen erm\u00f6glichen. Eine Resonanz entsteht, die Empfindungen anderer in uns selbst weckt, ein Miterleben dessen, was ein anderer erlebt (Gerspach, 2009; S. 78).<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Damit verbunden ist die F\u00e4higkeit, eine beobachtete Handlung so zu erfassen, dass man sie imitieren kann und sich dadurch empathisch in einen andern Menschen einf\u00fchlen zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Kinder, die an Autismus leiden, weisen eine St\u00f6rung der Spiegelsysteme auf. Bereits im zweiten Lebensjahr zeigen sie eine verminderte F\u00e4higkeit, spontane Gesichtsausdr\u00fccke oder Gesten zu imitieren, wobei unklar ist, ob es sich um eine prim\u00e4re Dysfunktion im Bereich der biologischen Grundausstattung oder um fehlende Gelegenheiten zu wechselseitiger spiegelnder Kommunikation in den Monaten nach der Geburt handelt (Gerspach, 2009, S. 78).<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Hirnstoffwechselprozesse stehen also in einer komplexen Beziehung zum bio-psycho-sozialen Kontinuum (Gerspach, 2009).<\/p>","rendered":"<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Video: Herausforderndes Verhalten und Achtsamkeit<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Es geht im heilp\u00e4dagogischen Kontext darum, herausforderndes Verhalten zu <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>erkennen<\/i><\/span> und zu <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>verstehen<\/i>.<\/span> Dies erfordert <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Achtsamkeit<\/i><\/span>, und zwar gegen\u00fcber sich selbst, aber auch gegen\u00fcber dem Kind oder Jugendlichen. Damit wird eine Situationsberuhigung erm\u00f6glicht \u2014 ein erster wichtiger Schritt zum Umgang mit herausforderndem Verhalten.<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Im folgenden Video bezeichnet Dr. med. Claudia Croos-M\u00fcller herausforderndes Verhalten als eine Kopfsache und meint damit das <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Erkennen<\/i><\/span> und <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Verstehen<\/i><\/span> von Verhalten (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).<\/p>\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\n<div class=\"textbox__content\">Dieser Videoausschnitt enth\u00e4lt eine \u00dcbung in Selbsterfahrung und bringt damit das Thema unmittelbar in einen praktischen Bezug.<\/div>\n<\/div>\n<figure class=\"wp-block-video\"><video src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/66_Croos-KopfsacheLang.mp4\" controls=\"controls\" width=\"1000\" height=\"150\"><track src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/66_Croos-KopfsacheLang.vtt\" srclang=\"de\" label=\"Deutsch\" kind=\"subtitles\" \/><\/video><\/figure>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Video: Wohlbefinden ist lebenswichtig<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Traumatisches Erleben f\u00fchrt zu <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">negativen Emotionen und <i>Affekthandlungen<\/i><\/span>, die sich als Verhaltensmuster einpr\u00e4gen und Muster\u00e4nderungen im Gehirn blockieren. Wie Dr. med. Claudia Croos-M\u00fcller im folgenden Videoausschnitt (Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014) ausf\u00fchrt, gibt es die folgenden M\u00f6glichkeiten, die Muster\u00e4nderungen bewirken k\u00f6nnen:<\/p>\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">ein Ende der Traumatisierung<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">\u00dcben von Techniken, die positive Emotionen erzeugen<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Begl\u00fcckende Erlebnisse<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Anerkennung von Fortschritten (Stolz statt Scham)<\/li>\n<\/ul>\n<figure class=\"wp-block-video\"><video src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/67_Croos-Wohlbefinden-9.mp4\" controls=\"controls\" width=\"1000\" height=\"150\"><track src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/67_Croos-Wohlbefinden-9.vtt\" srclang=\"de\" label=\"Deutsch\" kind=\"subtitles\" \/><\/video><\/figure>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Beispiel: ADHS und der Stellenwert biologischer Erkl\u00e4rungsmuster<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Becker (2007) wertete f\u00fcr den Zeitraum von 2000 bis 2006 53 Zeitschriftenartikel zum Thema ADHS aus, die aus den Bereichen Schulp\u00e4dagogik, Sozialp\u00e4dagogik und Sonder- bzw. Heilp\u00e4dagogik stammten, und kam zu folgenden Ergebnissen:<\/p>\n<figure id=\"attachment_808\" aria-describedby=\"caption-attachment-808\" style=\"width: 266px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-176.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-808 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-176.png\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"177\" srcset=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-176.png 266w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-176-65x43.png 65w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-176-225x150.png 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-808\" class=\"wp-caption-text\">(c) source-connection.ch\/<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Allgemein wird ausf\u00fchrlich \u00fcber die biologischen Grundlagen von ADHS diskutiert, werden Diagnosekriterien erl\u00e4utert, werden gelegentlich Fallbeschreibungen eingebunden. Auch Experten aus anderen Disziplinen kommen zu Wort, ebenso wie Kritiker und Bef\u00fcrworter einer medikament\u00f6sen Behandlung. Die unterschiedlichen Perspektiven auf das Ph\u00e4nomen ADHS lassen sich an bestimmten Deutungsmustern \u00fcber die Ursachen der St\u00f6rung oder aber des Ph\u00e4nomens ADHS als solchem festmachen.<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Frage nach den Ursachen der ADHS wird beinahe in s\u00e4mtlichen Beitr\u00e4gen aufgeworfen. Insbesondere die Behandlung mit Stimulanzien, die in der aktuellen Diskussion \u00fcber Behandlungsmethoden einen hohen Stellenwert einnimmt, wirft die Frage nach dem Ursprung der St\u00f6rung auf. Hinter der Diskussion \u00fcber die Ursachen der ADHS steht die grunds\u00e4tzliche Frage nach dem Anlage-Umwelt-Verh\u00e4ltnis. Hierzu lassen sich in den p\u00e4dagogischen Beitr\u00e4gen drei Positionen unterscheiden (Becker, 2007, S. 190):<\/p>\n<ol class=\"ilc_list_o_NumberedList\">\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Ein Teil der Autoren orientiert sich an den medizinisch gepr\u00e4gten Modellen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und deutet ADHS als eine St\u00f6rung, deren Ursachen prim\u00e4r in der genetischen Ausstattung (Anlage) zu suchen sind. Diese Position wird im Folgenden als \u00abaffirmativ\u00bb bezeichnet.<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Des Weiteren gibt es Autoren, die zwar nicht von einer ausschliesslich umweltbezogenen Genese der ADHS ausgehen, die der Perspektive einer prim\u00e4r biologischen Verursachung jedoch kritisch gegen\u00fcberstehen. Diese Position soll deshalb als \u00abkritisch\u00bb gekennzeichnet werden.<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Neben diesen beiden Positionen, die vor allem durch ihre unterschiedlichen Haltungen bez\u00fcglich der Genese der ADHS \u2014 und weniger durch ihre Ansichten \u00fcber die Behandlung \u2014 gekennzeichnet sind, findet sich im p\u00e4dagogischen Diskurs eine dritte Position, die eine Sonderstellung einnimmt. Diese Position k\u00f6nnte man am ehesten als \u00abzur\u00fcckweisend\u00bb charakterisieren, da sie ADHS als ein Produkt sozialer Zuschreibungen beschreibt und ihr den Status als Krankheit bzw. psychische St\u00f6rung abspricht. Dementsprechend fragt sie auch nicht nach der Ursachen der ADHS, sondern nach den Ursachen f\u00fcr die Entstehung und Verwendung des \u00abEtiketts ADHS\u00bb, die selbstredend nicht im Kind, sondern in der Gesellschaft zu suchen sind.<\/li>\n<\/ol>\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\n<div class=\"textbox__content\">\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Nachfolgend weitere Ausz\u00fcge aus dem Ortiginaltext (Becker, 2007):<\/p>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Affirmative Position<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das affirmative Deutungsmuster ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es dem Modell einer <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">prim\u00e4r genetischen Ursache<\/span> der St\u00f6rung folgt. Die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Umwelt<\/span>gewinnt erst dann an Bedeutung, wenn es um die St\u00e4rke der Auspr\u00e4gung der St\u00f6rung geht. Auf diese Weise unterst\u00fctzt diese Position einerseits die Deutungsanspr\u00fcche der Psychiatrie bzw. Medizin, sichert der P\u00e4dagogik jedoch Einflussm\u00f6glichkeiten, indem sie dem starken Gen-Argument ein schw\u00e4cheres, aber dennoch bedeutsames Umwelt-Argument zur Seite stellt. [&#8230;]<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das Neurotransmitter- bzw. Dopamin-Modell ist eines der am h\u00e4ufigsten angef\u00fchrten Modelle, wenn es um die biologischen Grundlagen von ADHS geht. Es wird in p\u00e4dagogischen Fachzeitschriften vielfach aufgegriffen, jedoch in aller Regel, auch von Medizinern, nur knapp beschrieben. Das ist insofern problematisch, als es eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit den neurobiologisch gepr\u00e4gten Argumentationsmustern unm\u00f6glich macht. Diese klingen zwar vergleichsweise kompliziert, doch man muss die neurobiologischen Modelle gar nicht bis ins Detail verstehen, um die Kerngedanken zu begreifen. Das eigentlich Interessante am Dopamin-Modell sind n\u00e4mlich nicht die neurophysiologischen Vorg\u00e4nge selbst, sondern die daraus abgeleiteten Kausalannahmen und Schlussfolgerungen, die in der p\u00e4dagogischen Diskussion unhinterfragt rezipiert werden. Am wichtigsten ist hierbei sicherlich, dass die Wirksamkeit von Methylphenidat als Beleg f\u00fcr die Richtigkeit der Dopaminhypothese angef\u00fchrt wird. [&#8230;]<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das Dopamin-Modell: Die Wirkung von Methylphenidat bei Menschen mit ADHS ist gut nachgewiesen und wird im Umkehrschluss von einigen Autoren als Beleg f\u00fcr die Richtigkeit der Dopaminhypothese angef\u00fchrt. Die zugrunde liegende Argumentation lautet: Da Methylphenidat die Kernsymptome der ADHS (motorische Unruhe, geringe Aufmerksamkeit, geringe Impulskontrolle) positiv beeinflusst und sich Methylphenidat auf die Wiederaufnahme von Dopamin auswirkt, liegt die Ursache von ADHS in einer verringerten Dopaminkonzentration bzw. in der erh\u00f6hten Bindungskapazit\u00e4t der Dopamintransporter. Und da diese wiederum \u00abgenetisch bedingt\u00bb ist, kann man daran prim\u00e4r mithilfe von Stoffen, die unmittelbar in den Transmitterhaushalt eingreifen, etwas \u00e4ndern (Becker, 2007, S. 192-193).<\/p>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Kritische Position<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Ausl\u00f6ser von ADHS werden in konflikthaften Beziehungen und problematischen Lebenssituationen gesucht. Willenbring (2002, S. 34) merkt an, dass hinter \u00abjedem negativen Verhalten &#8230; ein L\u00f6sungsversuch des Kindes [steht, d. Verf.], mit einer problematischen Situation umzugehen\u00bb. Dementsprechend suchen die Kritiker des medizinischen Modells die Ursachen f\u00fcr ADHS im schulischen und pers\u00f6nlichen Umfeld der Kinder. Psychosoziale Belastungsfaktoren h\u00e4tten sich in den letzten Jahrzehnten verst\u00e4rkt und es seien mehr famili\u00e4re <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Risikokonstellationen<\/span> bei gleichzeitig <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">abnehmender Erziehungskompetenz<\/span> zu beobachten (Demisch\/Zillessen 2003, S. 142). In der Schule m\u00fcssten Kinder stillsitzen und \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume aufmerksam zuh\u00f6ren, und einige Kinder seien darauf nicht gut vorbereitet oder es falle ihnen einfach schwerer als anderen. Werning vertritt deshalb die Ansicht, dass sich die Schule, etwa durch mehr Projekte und offenen Unterricht, besser auf die Kompetenzen dieser Kinder einstellen m\u00fcsse (Werning 2002, S. 8ff.) (Becker, 2007, S. 195).<\/p>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Zur\u00fcckweisende Position<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die sch\u00e4rfsten Kritiker der ADHS-Debatte vertreten die Ansicht, dass es zwar Kinder und Jugendliche geben mag, die motorisch aktiver, impulsiver und weniger aufmerksam als andere Kinder sind, doch die Etikettierung solcher im Prinzip bei jedem Kind vorkommenden Verhaltensweisen als Krankheit mit dem Namen ADHS lehnen sie ab. S\u00e4mtliche Autoren, die die Diagnose ADHS zur\u00fcckweisen, tun dies unter anderem, indem sie die zugrunde liegenden Vorstellungen von Normalit\u00e4t hinterfragen. Die starke Pr\u00e4senz biologischer Erkl\u00e4rungsmuster in \u00f6ffentlichen und fachwissenschaftlichen Diskursen wird von den Autoren als ein Beleg daf\u00fcr gedeutet, dass ein soziales Problem in ein biologisches umgedeutet wird, um dieses kurzfristig und kosteng\u00fcnstig zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Der Sonderp\u00e4dagoge Wolfgang Jantzen zeigt die Zunahme der Verordnung von Ritalin auf und bringt diese am Beispiel der USA in Zusammenhang mit sozialpolitischen Entwicklungen. Dort zeige sich, dass Ritalin den \u00abbilligsten Weg\u00bb darstelle, um Verhaltensauff\u00e4lligkeiten bei Kindern in den Griff zu bekommen (Jantzen 2001, S. 224). Jantzen deutet die Biologisierung von Verhalten im Sinne Foucaults als Ausdruck einer Biopolitik, bei der \u00f6konomische Interessen im Vordergrund st\u00fcnden und \u00abgesellschaftliche Ungleichheit in Biologie umgewandelt\u00bb werde (ebd.). Biologische Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Verhaltensauff\u00e4lligkeiten w\u00fcrden immer dann an Einfluss gewinnen, \u00abwenn das soziale Interesse daran besteht\u00bb, und dieses wiederum werde durch den Verweis auf Kostenfaktoren und den drohenden Ausfall von (menschlichen) Ressourcen gen\u00e4hrt (ebd.) (Becker, 2007, S. 195).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Becker, N. (2007). Der Stellenwert biologischer Erkl\u00e4rungsmuster in der Debatte \u00fcber ADHS. Eine Analyse p\u00e4dagogischer Zeitschriften. In U. Mietzner, H.-E. Tenorth &amp; N. Welter (Hrsg.), <i><span class=\"ilc_text_inline_Emph\">P\u00e4dagogische Anthropologie. Mechanismus einer Praxis<\/span> <\/i>(Beihefte Zeitschrift f\u00fcr P\u00e4dagogik, Bd. 52, S. 186\u2013201). Weinheim: Beltz. Download <a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"http:\/\/www.pedocs.de\/volltexte\/2013\/7836\/pdf\/Becker_2007_Stellenwert_biologischer_Erklaerungsmuster.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Vollst\u00e4ndiger Text.<\/a><\/p>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Neurowissenschaften und Bezug zur Psychoanalyse<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die folgenden Gedanken stammen aus dem Buch <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Psychoanalytische Heilp\u00e4dagogik<\/i><\/span> von Manfred Gerspach<span class=\"ilc_text_inline_Emph\"> (2009), <\/span>der in einem speziellen Kapitel <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>psychoanalytische<\/i> <\/span>und <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>neurowissenschatliche<\/i> <\/span>Erkenntnisse in Beziehung setzt.<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Gerspach (2009) diskutiert die Bedeutung der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>neuronal kodierten fr\u00fchen Erfahrungen<\/i><\/span> f\u00fcr die Entwicklung des Kindes. Die Hirnentwicklung eines Kindes ist stark von der emotionalen, sozialen und intellektuellen Kompetenz seiner erwachsenen Bezugspersonen abh\u00e4ngig. Das heisst, dass die neuronalen Verschaltungen und Erregungsmuster von aussen beeinflussbar sind. Die Hirnentwicklung wird also nicht prim\u00e4r durch genetische Programme gesteuert. Die synaptischen Verschaltungsmuster passen sich vielmehr w\u00e4hrend der Hirnreifung an die immer komplexer werdenden Anforderungen an. Das genetische Programm versetzt die sich entwickelnden Nervenzellen lediglich in die Lage, sich zu teilen, solange die \u00e4usseren und inneren Bedingungen daf\u00fcr g\u00fcnstig sind (Gerspach, 2009).<\/p>\n<figure id=\"attachment_809\" aria-describedby=\"caption-attachment-809\" style=\"width: 245px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-177.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-809 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-177.png\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"184\" srcset=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-177.png 245w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-177-65x49.png 65w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-177-225x169.png 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-809\" class=\"wp-caption-text\">(c) uzh.ch\/<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die innerhalb der ersten Lebensjahre stattfindende Ausdifferenzierung des Gehirns ist also von der ad\u00e4quaten Stimulierung durch einen anderen Menschen abh\u00e4ngig. Diese Erfahrung aktiviert spezifische neuronale Verbindungen, so dass dar\u00fcber <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">neue Synapsen<\/span> gebildet und bereits vorhandene verst\u00e4rkt werden.<\/p>\n<h3><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Spiegelneuronen<\/span><\/h3>\n<p>Die Entdeckung eines Systems von <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Spiegelneuronen<\/i> <\/span>im menschlichen Gehirn zeigte, dass es spezialisierte Gehirnstrukturen gibt, die Beziehungsaufnahme und Beziehungsgestaltung abbilden. \u00abZwischenmenschliche Belastungssituationen [&#8230;] oder pure seelische Anspannung [&#8230;] haben also die Aktivierung von Genen und somit zahlreiche biologische Effekte zur Folge\u00bb (Bauer 2005, zit. nach Gerspach, 2009, S78).<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Die Beziehungserfahrungen hinterlassen demnach biologische Spuren. Das menschliche Gehirn h\u00e4lt spezialisierte neurobiologische Systeme bereit, um sie zu dekodieren, zu regulieren und in biologische Signale zu konvertieren. Die Spiegelneuronen k\u00f6nnen neurobiologische Mechanismen unterst\u00fctzen, die das Lesen der Gedanken, Gef\u00fchle und Intentionen anderer Menschen erm\u00f6glichen. Eine Resonanz entsteht, die Empfindungen anderer in uns selbst weckt, ein Miterleben dessen, was ein anderer erlebt (Gerspach, 2009; S. 78).<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Damit verbunden ist die F\u00e4higkeit, eine beobachtete Handlung so zu erfassen, dass man sie imitieren kann und sich dadurch empathisch in einen andern Menschen einf\u00fchlen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Kinder, die an Autismus leiden, weisen eine St\u00f6rung der Spiegelsysteme auf. Bereits im zweiten Lebensjahr zeigen sie eine verminderte F\u00e4higkeit, spontane Gesichtsausdr\u00fccke oder Gesten zu imitieren, wobei unklar ist, ob es sich um eine prim\u00e4re Dysfunktion im Bereich der biologischen Grundausstattung oder um fehlende Gelegenheiten zu wechselseitiger spiegelnder Kommunikation in den Monaten nach der Geburt handelt (Gerspach, 2009, S. 78).<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Hirnstoffwechselprozesse stehen also in einer komplexen Beziehung zum bio-psycho-sozialen Kontinuum (Gerspach, 2009).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Video: Herausforderndes Verhalten und Achtsamkeit Es geht im heilp\u00e4dagogischen Kontext darum, herausforderndes Verhalten zu erkennen und zu verstehen. Dies erfordert Achtsamkeit, und zwar gegen\u00fcber sich selbst, aber auch gegen\u00fcber dem Kind oder Jugendlichen. 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