{"id":348,"date":"2020-02-26T15:01:03","date_gmt":"2020-02-26T14:01:03","guid":{"rendered":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/?post_type=chapter&#038;p=348"},"modified":"2024-09-26T18:06:39","modified_gmt":"2024-09-26T16:06:39","slug":"systemtheorie-bezuege-zur-heilpaedagogik","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/chapter\/systemtheorie-bezuege-zur-heilpaedagogik\/","title":{"raw":"Systemtheorie: Bez\u00fcge zur Heilp\u00e4dagogik","rendered":"Systemtheorie: Bez\u00fcge zur Heilp\u00e4dagogik"},"content":{"raw":"<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Systemische P\u00e4dagogik und Systemik als Haltung<\/h2>\r\n[caption id=\"attachment_753\" align=\"alignright\" width=\"281\"]<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-138.png\"><img class=\"wp-image-753 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-138.png\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"187\" \/><\/a> (c) systemische-therapie-reutlingen.de\/[\/caption]\r\n<blockquote>Systemisches Denken und Handeln ist Ausdruck einer besonderen Haltung gegen\u00fcber sich selbst und der Welt<\/blockquote>\r\n(Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009). Um sich diese Haltung anzueignen, braucht es\r\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><i>systemisches <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Wissen<\/span>,<\/i><\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><i>systemische <\/i><span class=\"ilc_text_inline_Emph\" style=\"font-style: italic\">Kompetenz <\/span>und<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Bereitschaft zur <span class=\"ilc_text_inline_Emph\" style=\"font-style: italic\">Selbstreflexivit\u00e4t<\/span><i>.<\/i><\/li>\r\n<\/ul>\r\nDiese drei Voraussetzungen erm\u00f6glichen eine Haltung, die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>systemische Handlungskompetenz<\/i><\/span> in der professionellen Begleitung von Ver\u00e4nderungsprozessen umsetzt.\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Systemisches Wissen<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Systemisches Wissen hilft uns, den Eigent\u00fcmlichkeiten unserer Wahrnehmung und den Entwicklungsmechanismen des Lebendigen Rechnung zu tragen. Arnold und Arnold-Haecky (2009) favorisieren einen \u00abmittleren Weg der Erkenntnis\u00bb, der sowohl den objektivistischen Kurzschluss als auch den naiven Subjektivismus vermeiden soll und formulieren die folgenden Erkenntnisse:<\/p>\r\n\r\n<div class=\"textbox\"><i>Systeme organisieren sich im Austausch mit ihrer Umwelt und streben ein lebenserhaltendes Gleichgewicht an.<\/i><\/div>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Interaktion mit der Umwelt erm\u00f6glicht das \u00dcberleben eines Systems. Soziale Systeme leben gerade durch Kommunikation und schaffen dadurch Sinn.<\/p>\r\n\r\n<div class=\"textbox\"><i>Die Wirklichkeit ist nicht die Realit\u00e4t, sondern das, was von dieser auf uns zu wirken vermag.<\/i><\/div>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Mit dieser etwas willk\u00fcrlichen Unterscheidung von Realit\u00e4t und Wirklichkeit wird an die Konstruktivit\u00e4t und Selbstbez\u00fcglichkeit unserer Wahrnehmung erinnert. Wir blicken immer perspektivisch und selektiv durch die Brille unserer Erfahrungen.<\/p>\r\n\r\n<div class=\"textbox\"><i>Wirkungen in sozialen Systemen sind weder berechenbar noch vorhersehbar.<\/i><\/div>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Damit wird es erforderlich, dass wir uns von einem einfachen linear-kausalen Ursache-Wirkungs-Denken l\u00f6sen. Dieses ist f\u00fcr soziale Systeme nicht geeignet, weil es da wichtig ist, die Absichten und die Sinnzuschreibungen des Gegen\u00fcbers zu verstehen, um gemeinsam handeln zu k\u00f6nnen. Dies erfordert F\u00e4higkeiten zu einem reflektierten Umgang mit sich und andern.<\/p>\r\n\r\n<div class=\"textbox\"><i>Systemisches Handeln ist ein strukturierter Umgang mit Strukturiertem und Unstrukturiertem. Bei Interventionen geht es darum, dem Strukturlosen Struktur zu geben und feste Strukturen aufzuweichen.<\/i><\/div>\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Systemische Kompetenzen<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Wenn die systemischen Erkenntnisse sich in den p\u00e4dagogischen F\u00e4higkeiten niederschlagen, entsteht eine neue Lehr- und Lernkultur: <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Lehren <\/span>beinhaltet dann nicht mehr Instruktion im Sinne einer \u00dcbermittlung von Inhalten und Strukturen, sondern Anleitung und Begleitung von autonomen Ver\u00e4nderungsprozessen. Die Lehrperson ist dann Begleiterin f\u00fcr die Suchprozesse anderer. Daraus ergibt sich die paradoxe Anforderung, die Inhalte der F\u00e4cher zu beherrschen, aber gleichzeitig die suchende Aneigung durch die Sch\u00fcler zu begleiten. Wichtige Erkenntnisse zu systemischen Kompetenzen (Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009):<\/p>\r\n\r\n<div class=\"textbox\">\r\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\r\n \t<li><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Kenntnisse \u00fcber die konstitutive Rollle der eigenen Beobachtung werden dann zu lebendigem Wissen, wenn sie mit der F\u00e4higkeit verbunden werden, Vertrautes aufzugeben und die eigene Stimme des Bescheidwissens verstummen zu lassen.<\/i><\/span><\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Nur wenn wir in der Lage sind, uns aktiv auf \u00dcberraschendes und Ungesichertes einzulassen, wird das Wissen um die Unm\u00f6glichkeit der in ihrer Auswirkung vorhersehbaren und planbaren Intervention f\u00fcr den schulischen Alltag nutzbar. <\/i><\/span><\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>F\u00fcr eine systemische Sicht von Bildung stehen die Selbstlernf\u00e4higkeit und die Lernverantwortung des Subjekts im Zentrum der didaktischen Konzepte.<\/i><\/span><\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/div>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Aus systemischer Sicht ist es deshalb wichtig, die F\u00e4higkeiten der Sch\u00fcler zur Nutzung und Weiterentwicklung des eigenen Kompetenzportfolios systematisch zu f\u00f6rdern (Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009).<\/p>\r\n\r\n<h3><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Selbstreflexivit\u00e4t<\/span><\/h3>\r\n<div class=\"textbox\">\r\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\r\n \t<li><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Professionelle Selbstreflexivit\u00e4t beginnt mit der F\u00e4higkeit zur Selbstbeobachtung.<\/i><\/span><\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Nur wer imstande ist, das eigene Echo im vermeintlich Fremden zu erkennen, kann sich von Vorw\u00fcrfen und Schuldzuweisungen befreien und sich dem Gegen\u00fcber ann\u00e4hern. <\/i><\/span><\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Nur wenn wir die in uns gespeicherten Denk- und F\u00fchlprogramme kennen, sind wir in der Lage, dem Gegen\u00fcber weitgehend unvoreingenommen zu begegnen.<\/i><\/span><\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Fehler und Scheitern k\u00f6nnen uns zu neuen Formen des Denkens, F\u00fchlens und Handelns f\u00fchren.<\/i><\/span><\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Feedback ist Nahrung f\u00fcr das pers\u00f6nliche Wachstum.<\/i><\/span><\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/div>\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Systemische Haltung<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die in den oben stehenden Elementen und \u00dcberlegungen formulierten W\u00fcnsche an die Grundhaltung eines systemischen P\u00e4dagogen werden von Arnold und Arnold-Haecky (2009, S. 16) in einem so genannten \u00abCode of Ethics\u00bb unter dem Titel \u00abDer Eid des Sisyphos\u00bb beschrieben.<\/p>\r\n\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Leits\u00e4tze systemischen Denkens und Handelns<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Arnold &amp; Arnold-Haecky (2009, S. 19f.) formulieren <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>f\u00fcnf Leits\u00e4tze systemischen Denkens und Handelns<\/i><\/span>, zugeschnitten auf Aspekte der systemischen P\u00e4dagogik und praktisch relevant bei der Konfrontation mit herausfordendem Verhalten.<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_754\" align=\"alignright\" width=\"296\"]<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-139.png\"><img class=\"wp-image-754 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-139.png\" alt=\"\" width=\"296\" height=\"300\" \/><\/a> (c) www.cl-system.de\/[\/caption]\r\n<ol>\r\n \t<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><strong><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">systemischer Leitsatz: Es gilt, die Bescheidenheitsposition einer reflexiven Beobachtung einzunehmen. <\/span><\/strong>Der Beobachter bildet die Realit\u00e4t nicht nur ab, sondern konstruiert sie durch die M\u00f6glichkeiten seines Erkennens. Das bedeutet, immer wieder in die Position des verwunderten Beobachters zur\u00fcck zu gehen, auch wenn wir ein Ph\u00e4nomen zu verstehen glauben. Diese reflexive Wendung beinhaltet Fragen wie \u00abWann habe ich etwas \u00c4hnliches zum erstenmal erlebt? Sind andere Deutungen m\u00f6glich?\u00bb.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>systemischer Leitsatz: Jedes Problem ist immer auch schon eine m\u00f6gliche L\u00f6sung. <\/b><\/span><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Problemzuschreibungen<\/i> <\/span>basieren meistens auf unterschiedlichen Konstruktionen der Wirklichkeit. Die ganze Wahrnehmung wird selektiv auf das Problem fokussiert; dadurch wird der st\u00f6rende Sch\u00fcler erst konstruiert. Die selbstreflexiven Fragen nach dem Problembesitz und nach dem heimlichen Nutzen ungel\u00f6ster Probleme helfen uns, die Situation anders zu deuten und zu l\u00f6sen.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>systemischer Leitsatz: Die Welt ist nicht (nur) so, wie ich sie f\u00fchle! <\/b><\/span>Unser Denken und Handeln ist h\u00e4ufig durch bereits im Vorfeld emotional festgelegte Bilder und Gef\u00fchle bestimmt. Die emotionale Gestimmtheit bestimmt, was wir aus einer Situation herauslesen oder in die Situation hineinlesen. Wer emotionale Kompetenz besitzt, kann seine spontan ausgel\u00f6sten Reaktionen reflektieren, die z. B. durch eine provozierende Verhaltensweise ausgel\u00f6st werden. In emotional bedr\u00e4ngenden Situationen sollte man deshalb nicht dem ersten spontanen Impuls folgen!<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>systemischer Leitsatz: Lass dich von der Wirklichkeit \u00fcberraschen und belehren! <\/b><\/span>Das systemische Denken postuliert, dass Ordnungen sich selbst herausbilden. Das heisst, Situationen und Prozesse k\u00f6nnen nicht nachhaltig von aussen reguliert werden. Interventionen, die diesem Umstand keine Rechnung tragen, l\u00f6sen oft einen Systemwiderstand aus: die Systeme unterlaufen diese Absichten und kehren zur eigenen Ordnung zur\u00fcck. Das heisst, man muss zuerst einmal auf das System lauschen.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>systemischer Leitsatz: \u00abHandle stets so, dass du die Anzahl der M\u00f6glichkeiten vergr\u00f6sserst!\u00bb<\/b><\/span> (von Foerster, 1993, S. 51) Die eigenen Lesarten einer gegebenen Sitiation zu vermehren, ist eine wichtige Anforderung der systemischen P\u00e4dagogik. Professionelle Intervention geht weg von der spontanen Reaktion zu einem besonnenen Reagieren. Indirektes Intervenieren kennzeichnet das systemische Handeln. Eine selbstreflexiv-achtsame Form der Beobachtung f\u00fchrt zu anderen Interventionsformen (statt entschlossenem p\u00e4dagogischem Handeln). Wir m\u00fcssen \u00fcber den eigenen Schatten springen und \u00abuns verstehend dem zuwenden, was uns am meisten aufregt, kr\u00e4nkt oder verletzt\u00bb (Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009).<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Beispiel zu den Leits\u00e4tzen<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das folgende Beispiel \u00abKurt st\u00f6rt im Unterricht\u00bb illustriert die Leits\u00e4tze 1-5 (zitiert aus Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009).<\/p>\r\n\r\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\r\n<div class=\"textbox__content\">Ausgangslage:<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">In einer siebten Hauptschulklasse kommt das Unterrichtsgeschehen immer wieder zum Erliegen, da Kurt jede Stunde zum Entgleisen bringt. In den ersten zehn Minuten folgt er zun\u00e4chst dem Geschehen mit einer sp\u00f6ttischen Aufmerksamkeit, greift dann eine beliebige Bemerkung auf, wendet diese ins Obsz\u00f6ne oder beginnt einfach laut die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern seiner Umgebung in Unterhaltungen zu verwickeln. Ermahnungen oder Disziplinierungsversuche quittiert er mit einem triumphalen Grinsen. Wird er aus der Klasse verwiesen, so inszeniert er seinen Abgang im heroenhaften Gestus, was bei seinen Mitsch\u00fclerinnen und Mitsch\u00fclern immer mal wieder anerkennende Kommentare ausl\u00f6st.<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">Kurt ist kein schlechter Sch\u00fcler. Er macht den Stoff irgendwie mit Links, aber die konzentrierte Auseinandersetzung mit dem angebotenen Material, die Kooperation mit anderen oder die selbstverantwortliche Erarbeitung von L\u00f6sungen scheint ihn nicht wirklich zu interessieren. Vielmehr nutzt er jede Chance zur Konfrontation, um sich als St\u00f6rer in den Mittelpunkt zu stellen und vorbereitete Abl\u00e4ufe zu torpedieren. Seine Klassenkameraden begegnen ihm mit einer Mischung aus Bewunderung und Distanz. Wirklich eingebunden ist Kurt nicht, Freunde hat er kaum.<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">In der letzten Geschichtsstunde, in der es um den Zweiten Weltkrieg und Nazideutschland ging, brach er alle Rekorde. Pl\u00f6tzlich erhob er sich, schlug die Hacken zusammen, gr\u00fcsste mit dem Hitlergruss und rief \u00abDeutschland muss judenfrei bleiben!\u00bb. Der Lehrer erbleichte, schrie ihn an, was ihm einfalle, und schickte ihn zum Direktor. Dieser schloss ihn f\u00fcr einige Tage vom Unterricht aus und benachrichtigte die Eltern.<\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\r\n<div class=\"textbox__content\">Zum 1. Leitsatz:<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">In der Beispielsituation erz\u00e4hlte der Geschichtslehrer den Vorfall mit Kurt im Lehrerzimmer. Obwohl seine Reaktion bei den meisten Kollegen und Kolleginnen auf grosse Zustimmung stiess, meldete sich ein junger Lehrer mit der Bemerkung: \u00abIrgendwie sind unsere bisherigen Versuche, Kurt in den Unterricht einzubinden, doch alle gescheitert. Wir sollten es vielleicht einmal mit etwas anderem versuchen.\u00bb Mit dieser \u00c4usserung erntete er zun\u00e4chst nichts weiter als ein sp\u00f6ttisches L\u00e4cheln und bemitleidende Blicke, aus denen auch die Haltung des \u00abWas-weisst-du-denn-schon?\u00bb sprach. Doch der Kollege blieb hartn\u00e4ckig. Er sagte: \u00abAlso ich erlebe Kurt auch als cool. Irgendwie schafft er es, uns alle in Atem zu halten. Und trotzdem wird er unseren Leistungsanspr\u00fcchen vollkommen gerecht. Dies sollten wir einmal anerkennen, statt nur so abf\u00e4llig \u00fcber ihn zu reden. Wenn ich euch so h\u00f6re, habe ich den Eindruck, ihr habt ihm bereits ein Label verpasst, aus dem er gar nicht mehr raus kann, ohne sein Gesicht zu verlieren. Ich habe es z. B. letzthin mal damit versucht, ihm bei einem Unterrichtsthema die Rolle eines \u00abcritical friend \u00bb zu geben, der alles, was zum Gegenstand an Kritischem zu sagen ist, sammelt und am Ende der Stunde als \u00abJa-aber-Liste\u00bb vorliest. Dies hat erstaunlich gut funktioniert. Zwar hat er auch immer wieder versucht, seine Mitsch\u00fclerinnen und Mitsch\u00fcler abzulenken, aber er ist bei seiner Aufgabe geblieben. Was erwarten wir denn? Soll er etwa sein Verhalten von jetzt auf nachher vollst\u00e4ndig umstellen?\u00bb<\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\r\n<div class=\"textbox__content\">Zum 2. Leitsatz:<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">Der junge Lehrer in unserem Beispiel scheint mit seinem Hinweis einen neuen Weg zu weisen: Er definiert die Situation um, w\u00fcrdigt nicht nur die Potenziale, die in dem Verhalten von Kurt zum Ausdruck kommen, sondern versucht auch, mit diesen in einer anderen Weise umzugehen. Er nutzt die in dem gezeigten Verhalten zum Ausdruck kommende Abgrenzungstendenz, indem er Kurt die Funktion eines \u00abAgent provocateur\u00bb einr\u00e4umt.<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">Bei der Diskussion im Lehrerzimmer erhielt er Unterst\u00fctzung von einer \u00e4lteren Kollegin: \u00abDas ist doch mal ein neuer Weg, den wir versuchen sollten. Zudem habe ich mittlerweile auch den Eindruck gewonnen, dass der Fall Kurt f\u00fcr uns alle immer wieder ein willkommener Anlass ist, um uns zu versichern, dass wir im Recht sind. Ich habe mich manchmal schon gefragt, was wir t\u00e4ten, wenn wir ihn nicht h\u00e4tten.\u00bb Obwohl auch diese \u00c4usserung zun\u00e4chst nur Kopfsch\u00fctteln und entr\u00fcstete Bemerkungen im Kollegium ausl\u00f6ste, wurden einige dennoch nachdenklich und willigten schliesslich in den Vorschlag der Kollegin ein, sich in dieser Disziplinfrage von einem Didaktik-Coach des p\u00e4dagogischen Landesinstituts begleiten zu lassen.<\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\r\n<div class=\"textbox__content\">Zum 3. Leitsatz:<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">Der Hitlergruss von Kurt war eine Provokation. Die Emp\u00f6rung im Lehrerzimmer war deshalb nahezu ungeteilt, und die entschlossene Reaktion des Lehrers fand \u2014 wie beschrieben \u2014 grosse Zustimmung.<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">Als der betroffene Geschichtslehrer abends seiner Frau den erlebten Vorfall schilderte, meinte diese: \u00abAch, das war doch nur ein dummer Jungenstreich. Meinst du nicht, dass ihr da aus einer M\u00fccke einen Elefanten macht?\u00bb Ihr Versuch, ihren Mann zu beruhigen, l\u00f6ste bei ihm aber eine derart heftige Gegenreaktion aus, dass sie es vorzog, vorerst nichts mehr dazu zu sagen. Erst nach einer Weile beruhigte er sich wieder und suchte erneut das Gespr\u00e4ch. Nachdem sie ihm lange zugeh\u00f6rt und erkannt hatte, dass ihm die Sache wirklich nahe ging, versuchte sie ihm ihre Meinung zum Vorfall in einer etwas diplomatischeren Form nochmals zu erkl\u00e4ren, denn es gefiel ihr nicht, wie entschieden und rechthaberisch er auftrat: \u00abIch kann verstehen, dass dich Kurts Verhalten \u00e4rgert. Aber k\u00f6nnte sein Benehmen nicht auch Gr\u00fcnde haben, die ihr auf den ersten Blick nicht seht? Ihr versucht doch schon lange, ihm mit Strenge und Disziplin zu begegnen, doch bisher ohne Erfolg. Seine Provokationen werden vielmehr immer auff\u00e4lliger. W\u00e4re es nicht sinnvoll, einmal einen anderen Weg einzuschlagen? Ich weiss noch, wie idealistisch du warst, als du nach dem Studium in den Lehrerberuf eingestiegen bist. Damals stand f\u00fcr dich noch ganz klar fest, dass es in der schulischen Erziehung nicht darum gehen darf, Dinge, die uns emp\u00f6ren, zu unterbinden, sondern darum, die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung zu begleiten. Und manchmal ist diese Entwicklung halt krisenhaft und dann werden euch Lehrern auch Beleidigungen und Provokationen zugemutet. Aber das geh\u00f6rt eben dazu wie das Amen in der Kirche. Kinder wollen euch mit ihrem Verhalten immer irgendetwas sagen. Die Frage ist nur, wie ihr deren Botschaft entschl\u00fcsseln k\u00f6nnt. Was k\u00f6nnte er dir denn sagen wollen? Und welche Antwort kannst du ihm darauf geben? Es w\u00e4re doch wichtig, dass es eine andere Antwort ist als die, die ihm sein bisheriges Leben bereits gegeben hat!\u00bb<\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\r\n<div class=\"textbox__content\">Zum 4. Leitsatz:<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">Im konkreten Fall bedeutet dies, dass wir zun\u00e4chst nicht wissen k\u00f6nnen, was in Kurt, dem als schwierig empfundenen Sch\u00fcler, vorgeht, und wir m\u00fcssen im Kontext einer systemischen P\u00e4dagogik alles tun, um die Dynamiken, aus denen heraus er denkt, f\u00fchlt und handelt, zu verstehen. Erst dann ist eine Aktion seitens der erziehungsverantwortlichen Lehrkr\u00e4fte m\u00f6glich, die den \u00abMitvollzug auf Seiten des die Wirkungen erleidenden Systems\u00bb zu gew\u00e4hrleisten vermag, statt bloss wieder einen Systemwiderstand auszul\u00f6sen, der dann erneut zu den vertrauten Eskalationsschleifen f\u00fchrt.<\/div>\r\n<\/div>\r\n<h2 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Literatur<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Arnold, Rolf &amp; Arnold-Haecky, Beatrice. (2009). <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Der Eid des Sisyphos. Eine Einf\u00fchrung in die systemische P\u00e4dagogik<\/i><\/span> (Systhemia, Bd. 1). Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren.<\/p>\r\n\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">RTI-Ansatz: Inklusion statt Exklusion<\/h2>\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">R\u00fcgener Inklusionsmodell (RIM)<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das R\u00fcgener Inklusionsmodell, angewandt in der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>pr\u00e4ventiven und integrativen Schule<\/i><\/span> auf der Insel R\u00fcgen (PISaR) wurde von Prof. Bodo Hartke anl\u00e4sslich der Fortbildungstage der HfH im Januar 2014 vorgestellt. Der theoretische Hintergrund f\u00fcr das Projekt liegt im <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Response to <i>Intervention-Ansatz<\/i><\/span> (<a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"https:\/\/www.rim.uni-rostock.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">RTI-Ansatz<\/a>).<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Ziele des Projektes bestehen in der Pr\u00e4vention von sonderp\u00e4dagogischem F\u00f6rderbedarf und in der Integration von Kindern mit bereits vorliegenden Entwicklungsst\u00f6rungen in den Bereichen Lernen, Sprache und emotionale und soziale Entwicklung. Die F\u00f6rderung erfolgt auf drei Ebenen. Beginnend im gemeinsamen Unterricht mit allen Kindern (FE I), werden zus\u00e4tzlich auf der FE II Kinder in Kleingruppen gef\u00f6rdert, die nicht den erwarteten Lernerfolg im Klassenunterricht zeigen. Auf der Grundlage einer differenzierten Diagnostik werden Kinder auf der Stufe FE III durch den Sonderp\u00e4dagogen zus\u00e4tzlich individuell gef\u00f6rdert, sofern sich trotz intensiver F\u00f6rderung auf der FE II zu wenig oder kein Lernerfolg zeigt. Die Erfolgserwartung und der einbezogene Sch\u00fcleranteil auf den 3 Stufen FE ist unterschiedlich.<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Im RIM werden Lehr- und Lernmethoden, Unterrichtsmaterialien und F\u00f6rderprogramme eingesetzt, bei denen empirische Forschungsergebnisse nachgewiesen haben, dass die postulierte Effekte bei der Anwendung eintreten.<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Zur Identifikation von Kindern mit Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten und zur Evaluation der Passung von Lernausgangslagen und Unterricht bzw. F\u00f6rderung wird im RTI-Ansatz die Lernfortschrittsdokumentation (student monitoring) genutzt. Mit Hilfe von curriculumbasierten Messungen (CBM) werden die Lernfortschritte der Sch\u00fcler in umschriebenen Lernbereichen zeitnah erfasst. Neben den Kurztests werden zus\u00e4tzlich Screenings und standardisierte Messverfahren (Benchmarks) eingesetzt.<\/p>\r\nKurzinformation zum R\u00fcgener Inklusionsmodell:\u00a0<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/Ruegener_Inklusionsmodell-Kurzinformation_zum_Projekt-Broschuere-Kopie.pdf\">Ruegener_Inklusionsmodell-Kurzinformation_zum_Projekt-Broschuere Kopie<\/a>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Im folgenden Videoausschnitt pr\u00e4sentiert Prof. Dr. Bodo Hartke den <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">RTI-Ansatz <\/span>(Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).<\/p>\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-video\"><video src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/53_HartkeRTI1.mp4\" controls=\"controls\" width=\"1000\" height=\"150\"><track src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/53_HartkeRTI1.vtt\" srclang=\"de\" label=\"Deutsch\" kind=\"subtitles\" \/><\/video><\/figure>\r\n<h2>Literatur<\/h2>\r\nHartke, Bodo &amp; Vrban, Robert. (2011).<span class=\"ilc_text_inline_Emph\"> <i>Schwierige Sch\u00fcler - 49 Handlungsm\u00f6glichkeiten bei Verhaltensauff\u00e4lligkeiten<\/i><\/span><i>. <\/i>[1.-4. Klasse] (5. Aufl.). Buxtehude: Persen.\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Video: Systemische Modelle und Heilp\u00e4dagogik<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">In der folgenden Videoaufnahme spricht Marianne Wagner (Verantwortliche f\u00fcr das Ausbildungsmodul \u00abHerausforderndes Verhalten\u00bb) \u00fcber <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>systemische Konzepte in der Heilp\u00e4dagogik<\/i> <\/span>und ihre praktische Anwendung.<\/p>\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-video\"><video src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/54_Marianne_Wagner_Sept15.mp4\" controls=\"controls\" width=\"1000\" height=\"150\"><track src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/54_Marianne_Wagner_Sept15.vtt\" srclang=\"de\" label=\"Deutsch\" kind=\"subtitles\" \/><\/video><\/figure>\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Links<\/h2>\r\n<ul>\r\n \t<li class=\"ilc_page_title_PageTitle\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Glossar <\/span>systemischer Begriffe auf der Homepage der DGsP (Deutsche Gesellschaft f\u00fcr systemische P\u00e4dagogik): <a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"http:\/\/www.dgsp.org\/glossar\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.dgsp.org\/glossar\/<\/a><\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Verbandszeitschrift <span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Systemische P\u00e4dagogik<\/span>: <a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"http:\/\/www.dgsp.org\/angebote\/zeitschrift-systemische-paedagogik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.dgsp.org\/angebote\/zeitschrift-systemische-paedagogik\/<\/a><\/li>\r\n<\/ul>","rendered":"<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Systemische P\u00e4dagogik und Systemik als Haltung<\/h2>\n<figure id=\"attachment_753\" aria-describedby=\"caption-attachment-753\" style=\"width: 281px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-138.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-753 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-138.png\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"187\" srcset=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-138.png 281w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-138-65x43.png 65w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-138-225x150.png 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-753\" class=\"wp-caption-text\">(c) systemische-therapie-reutlingen.de\/<\/figcaption><\/figure>\n<blockquote><p>Systemisches Denken und Handeln ist Ausdruck einer besonderen Haltung gegen\u00fcber sich selbst und der Welt<\/p><\/blockquote>\n<p>(Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009). Um sich diese Haltung anzueignen, braucht es<\/p>\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><i>systemisches <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Wissen<\/span>,<\/i><\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><i>systemische <\/i><span class=\"ilc_text_inline_Emph\" style=\"font-style: italic\">Kompetenz <\/span>und<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Bereitschaft zur <span class=\"ilc_text_inline_Emph\" style=\"font-style: italic\">Selbstreflexivit\u00e4t<\/span><i>.<\/i><\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese drei Voraussetzungen erm\u00f6glichen eine Haltung, die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>systemische Handlungskompetenz<\/i><\/span> in der professionellen Begleitung von Ver\u00e4nderungsprozessen umsetzt.<\/p>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Systemisches Wissen<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Systemisches Wissen hilft uns, den Eigent\u00fcmlichkeiten unserer Wahrnehmung und den Entwicklungsmechanismen des Lebendigen Rechnung zu tragen. Arnold und Arnold-Haecky (2009) favorisieren einen \u00abmittleren Weg der Erkenntnis\u00bb, der sowohl den objektivistischen Kurzschluss als auch den naiven Subjektivismus vermeiden soll und formulieren die folgenden Erkenntnisse:<\/p>\n<div class=\"textbox\"><i>Systeme organisieren sich im Austausch mit ihrer Umwelt und streben ein lebenserhaltendes Gleichgewicht an.<\/i><\/div>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Interaktion mit der Umwelt erm\u00f6glicht das \u00dcberleben eines Systems. Soziale Systeme leben gerade durch Kommunikation und schaffen dadurch Sinn.<\/p>\n<div class=\"textbox\"><i>Die Wirklichkeit ist nicht die Realit\u00e4t, sondern das, was von dieser auf uns zu wirken vermag.<\/i><\/div>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Mit dieser etwas willk\u00fcrlichen Unterscheidung von Realit\u00e4t und Wirklichkeit wird an die Konstruktivit\u00e4t und Selbstbez\u00fcglichkeit unserer Wahrnehmung erinnert. Wir blicken immer perspektivisch und selektiv durch die Brille unserer Erfahrungen.<\/p>\n<div class=\"textbox\"><i>Wirkungen in sozialen Systemen sind weder berechenbar noch vorhersehbar.<\/i><\/div>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Damit wird es erforderlich, dass wir uns von einem einfachen linear-kausalen Ursache-Wirkungs-Denken l\u00f6sen. Dieses ist f\u00fcr soziale Systeme nicht geeignet, weil es da wichtig ist, die Absichten und die Sinnzuschreibungen des Gegen\u00fcbers zu verstehen, um gemeinsam handeln zu k\u00f6nnen. Dies erfordert F\u00e4higkeiten zu einem reflektierten Umgang mit sich und andern.<\/p>\n<div class=\"textbox\"><i>Systemisches Handeln ist ein strukturierter Umgang mit Strukturiertem und Unstrukturiertem. Bei Interventionen geht es darum, dem Strukturlosen Struktur zu geben und feste Strukturen aufzuweichen.<\/i><\/div>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Systemische Kompetenzen<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Wenn die systemischen Erkenntnisse sich in den p\u00e4dagogischen F\u00e4higkeiten niederschlagen, entsteht eine neue Lehr- und Lernkultur: <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Lehren <\/span>beinhaltet dann nicht mehr Instruktion im Sinne einer \u00dcbermittlung von Inhalten und Strukturen, sondern Anleitung und Begleitung von autonomen Ver\u00e4nderungsprozessen. Die Lehrperson ist dann Begleiterin f\u00fcr die Suchprozesse anderer. Daraus ergibt sich die paradoxe Anforderung, die Inhalte der F\u00e4cher zu beherrschen, aber gleichzeitig die suchende Aneigung durch die Sch\u00fcler zu begleiten. Wichtige Erkenntnisse zu systemischen Kompetenzen (Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009):<\/p>\n<div class=\"textbox\">\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\n<li><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Kenntnisse \u00fcber die konstitutive Rollle der eigenen Beobachtung werden dann zu lebendigem Wissen, wenn sie mit der F\u00e4higkeit verbunden werden, Vertrautes aufzugeben und die eigene Stimme des Bescheidwissens verstummen zu lassen.<\/i><\/span><\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Nur wenn wir in der Lage sind, uns aktiv auf \u00dcberraschendes und Ungesichertes einzulassen, wird das Wissen um die Unm\u00f6glichkeit der in ihrer Auswirkung vorhersehbaren und planbaren Intervention f\u00fcr den schulischen Alltag nutzbar. <\/i><\/span><\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>F\u00fcr eine systemische Sicht von Bildung stehen die Selbstlernf\u00e4higkeit und die Lernverantwortung des Subjekts im Zentrum der didaktischen Konzepte.<\/i><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Aus systemischer Sicht ist es deshalb wichtig, die F\u00e4higkeiten der Sch\u00fcler zur Nutzung und Weiterentwicklung des eigenen Kompetenzportfolios systematisch zu f\u00f6rdern (Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009).<\/p>\n<h3><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Selbstreflexivit\u00e4t<\/span><\/h3>\n<div class=\"textbox\">\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\n<li><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Professionelle Selbstreflexivit\u00e4t beginnt mit der F\u00e4higkeit zur Selbstbeobachtung.<\/i><\/span><\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Nur wer imstande ist, das eigene Echo im vermeintlich Fremden zu erkennen, kann sich von Vorw\u00fcrfen und Schuldzuweisungen befreien und sich dem Gegen\u00fcber ann\u00e4hern. <\/i><\/span><\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Nur wenn wir die in uns gespeicherten Denk- und F\u00fchlprogramme kennen, sind wir in der Lage, dem Gegen\u00fcber weitgehend unvoreingenommen zu begegnen.<\/i><\/span><\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Fehler und Scheitern k\u00f6nnen uns zu neuen Formen des Denkens, F\u00fchlens und Handelns f\u00fchren.<\/i><\/span><\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\"><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Feedback ist Nahrung f\u00fcr das pers\u00f6nliche Wachstum.<\/i><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Systemische Haltung<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die in den oben stehenden Elementen und \u00dcberlegungen formulierten W\u00fcnsche an die Grundhaltung eines systemischen P\u00e4dagogen werden von Arnold und Arnold-Haecky (2009, S. 16) in einem so genannten \u00abCode of Ethics\u00bb unter dem Titel \u00abDer Eid des Sisyphos\u00bb beschrieben.<\/p>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Leits\u00e4tze systemischen Denkens und Handelns<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Arnold &amp; Arnold-Haecky (2009, S. 19f.) formulieren <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>f\u00fcnf Leits\u00e4tze systemischen Denkens und Handelns<\/i><\/span>, zugeschnitten auf Aspekte der systemischen P\u00e4dagogik und praktisch relevant bei der Konfrontation mit herausfordendem Verhalten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_754\" aria-describedby=\"caption-attachment-754\" style=\"width: 296px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-139.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-754 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-139.png\" alt=\"\" width=\"296\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-139.png 296w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-139-65x66.png 65w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-139-225x228.png 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 296px) 100vw, 296px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-754\" class=\"wp-caption-text\">(c) www.cl-system.de\/<\/figcaption><\/figure>\n<ol>\n<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><strong><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">systemischer Leitsatz: Es gilt, die Bescheidenheitsposition einer reflexiven Beobachtung einzunehmen. <\/span><\/strong>Der Beobachter bildet die Realit\u00e4t nicht nur ab, sondern konstruiert sie durch die M\u00f6glichkeiten seines Erkennens. Das bedeutet, immer wieder in die Position des verwunderten Beobachters zur\u00fcck zu gehen, auch wenn wir ein Ph\u00e4nomen zu verstehen glauben. Diese reflexive Wendung beinhaltet Fragen wie \u00abWann habe ich etwas \u00c4hnliches zum erstenmal erlebt? Sind andere Deutungen m\u00f6glich?\u00bb.<\/li>\n<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>systemischer Leitsatz: Jedes Problem ist immer auch schon eine m\u00f6gliche L\u00f6sung. <\/b><\/span><span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Problemzuschreibungen<\/i> <\/span>basieren meistens auf unterschiedlichen Konstruktionen der Wirklichkeit. Die ganze Wahrnehmung wird selektiv auf das Problem fokussiert; dadurch wird der st\u00f6rende Sch\u00fcler erst konstruiert. Die selbstreflexiven Fragen nach dem Problembesitz und nach dem heimlichen Nutzen ungel\u00f6ster Probleme helfen uns, die Situation anders zu deuten und zu l\u00f6sen.<\/li>\n<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>systemischer Leitsatz: Die Welt ist nicht (nur) so, wie ich sie f\u00fchle! <\/b><\/span>Unser Denken und Handeln ist h\u00e4ufig durch bereits im Vorfeld emotional festgelegte Bilder und Gef\u00fchle bestimmt. Die emotionale Gestimmtheit bestimmt, was wir aus einer Situation herauslesen oder in die Situation hineinlesen. Wer emotionale Kompetenz besitzt, kann seine spontan ausgel\u00f6sten Reaktionen reflektieren, die z. B. durch eine provozierende Verhaltensweise ausgel\u00f6st werden. In emotional bedr\u00e4ngenden Situationen sollte man deshalb nicht dem ersten spontanen Impuls folgen!<\/li>\n<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>systemischer Leitsatz: Lass dich von der Wirklichkeit \u00fcberraschen und belehren! <\/b><\/span>Das systemische Denken postuliert, dass Ordnungen sich selbst herausbilden. Das heisst, Situationen und Prozesse k\u00f6nnen nicht nachhaltig von aussen reguliert werden. Interventionen, die diesem Umstand keine Rechnung tragen, l\u00f6sen oft einen Systemwiderstand aus: die Systeme unterlaufen diese Absichten und kehren zur eigenen Ordnung zur\u00fcck. Das heisst, man muss zuerst einmal auf das System lauschen.<\/li>\n<li class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>systemischer Leitsatz: \u00abHandle stets so, dass du die Anzahl der M\u00f6glichkeiten vergr\u00f6sserst!\u00bb<\/b><\/span> (von Foerster, 1993, S. 51) Die eigenen Lesarten einer gegebenen Sitiation zu vermehren, ist eine wichtige Anforderung der systemischen P\u00e4dagogik. Professionelle Intervention geht weg von der spontanen Reaktion zu einem besonnenen Reagieren. Indirektes Intervenieren kennzeichnet das systemische Handeln. Eine selbstreflexiv-achtsame Form der Beobachtung f\u00fchrt zu anderen Interventionsformen (statt entschlossenem p\u00e4dagogischem Handeln). Wir m\u00fcssen \u00fcber den eigenen Schatten springen und \u00abuns verstehend dem zuwenden, was uns am meisten aufregt, kr\u00e4nkt oder verletzt\u00bb (Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009).<\/li>\n<\/ol>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Beispiel zu den Leits\u00e4tzen<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das folgende Beispiel \u00abKurt st\u00f6rt im Unterricht\u00bb illustriert die Leits\u00e4tze 1-5 (zitiert aus Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009).<\/p>\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\n<div class=\"textbox__content\">Ausgangslage:<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">In einer siebten Hauptschulklasse kommt das Unterrichtsgeschehen immer wieder zum Erliegen, da Kurt jede Stunde zum Entgleisen bringt. In den ersten zehn Minuten folgt er zun\u00e4chst dem Geschehen mit einer sp\u00f6ttischen Aufmerksamkeit, greift dann eine beliebige Bemerkung auf, wendet diese ins Obsz\u00f6ne oder beginnt einfach laut die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern seiner Umgebung in Unterhaltungen zu verwickeln. Ermahnungen oder Disziplinierungsversuche quittiert er mit einem triumphalen Grinsen. Wird er aus der Klasse verwiesen, so inszeniert er seinen Abgang im heroenhaften Gestus, was bei seinen Mitsch\u00fclerinnen und Mitsch\u00fclern immer mal wieder anerkennende Kommentare ausl\u00f6st.<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">Kurt ist kein schlechter Sch\u00fcler. Er macht den Stoff irgendwie mit Links, aber die konzentrierte Auseinandersetzung mit dem angebotenen Material, die Kooperation mit anderen oder die selbstverantwortliche Erarbeitung von L\u00f6sungen scheint ihn nicht wirklich zu interessieren. Vielmehr nutzt er jede Chance zur Konfrontation, um sich als St\u00f6rer in den Mittelpunkt zu stellen und vorbereitete Abl\u00e4ufe zu torpedieren. Seine Klassenkameraden begegnen ihm mit einer Mischung aus Bewunderung und Distanz. Wirklich eingebunden ist Kurt nicht, Freunde hat er kaum.<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">In der letzten Geschichtsstunde, in der es um den Zweiten Weltkrieg und Nazideutschland ging, brach er alle Rekorde. Pl\u00f6tzlich erhob er sich, schlug die Hacken zusammen, gr\u00fcsste mit dem Hitlergruss und rief \u00abDeutschland muss judenfrei bleiben!\u00bb. Der Lehrer erbleichte, schrie ihn an, was ihm einfalle, und schickte ihn zum Direktor. Dieser schloss ihn f\u00fcr einige Tage vom Unterricht aus und benachrichtigte die Eltern.<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\n<div class=\"textbox__content\">Zum 1. Leitsatz:<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">In der Beispielsituation erz\u00e4hlte der Geschichtslehrer den Vorfall mit Kurt im Lehrerzimmer. Obwohl seine Reaktion bei den meisten Kollegen und Kolleginnen auf grosse Zustimmung stiess, meldete sich ein junger Lehrer mit der Bemerkung: \u00abIrgendwie sind unsere bisherigen Versuche, Kurt in den Unterricht einzubinden, doch alle gescheitert. Wir sollten es vielleicht einmal mit etwas anderem versuchen.\u00bb Mit dieser \u00c4usserung erntete er zun\u00e4chst nichts weiter als ein sp\u00f6ttisches L\u00e4cheln und bemitleidende Blicke, aus denen auch die Haltung des \u00abWas-weisst-du-denn-schon?\u00bb sprach. Doch der Kollege blieb hartn\u00e4ckig. Er sagte: \u00abAlso ich erlebe Kurt auch als cool. Irgendwie schafft er es, uns alle in Atem zu halten. Und trotzdem wird er unseren Leistungsanspr\u00fcchen vollkommen gerecht. Dies sollten wir einmal anerkennen, statt nur so abf\u00e4llig \u00fcber ihn zu reden. Wenn ich euch so h\u00f6re, habe ich den Eindruck, ihr habt ihm bereits ein Label verpasst, aus dem er gar nicht mehr raus kann, ohne sein Gesicht zu verlieren. Ich habe es z. B. letzthin mal damit versucht, ihm bei einem Unterrichtsthema die Rolle eines \u00abcritical friend \u00bb zu geben, der alles, was zum Gegenstand an Kritischem zu sagen ist, sammelt und am Ende der Stunde als \u00abJa-aber-Liste\u00bb vorliest. Dies hat erstaunlich gut funktioniert. Zwar hat er auch immer wieder versucht, seine Mitsch\u00fclerinnen und Mitsch\u00fcler abzulenken, aber er ist bei seiner Aufgabe geblieben. Was erwarten wir denn? Soll er etwa sein Verhalten von jetzt auf nachher vollst\u00e4ndig umstellen?\u00bb<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\n<div class=\"textbox__content\">Zum 2. Leitsatz:<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">Der junge Lehrer in unserem Beispiel scheint mit seinem Hinweis einen neuen Weg zu weisen: Er definiert die Situation um, w\u00fcrdigt nicht nur die Potenziale, die in dem Verhalten von Kurt zum Ausdruck kommen, sondern versucht auch, mit diesen in einer anderen Weise umzugehen. Er nutzt die in dem gezeigten Verhalten zum Ausdruck kommende Abgrenzungstendenz, indem er Kurt die Funktion eines \u00abAgent provocateur\u00bb einr\u00e4umt.<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">Bei der Diskussion im Lehrerzimmer erhielt er Unterst\u00fctzung von einer \u00e4lteren Kollegin: \u00abDas ist doch mal ein neuer Weg, den wir versuchen sollten. Zudem habe ich mittlerweile auch den Eindruck gewonnen, dass der Fall Kurt f\u00fcr uns alle immer wieder ein willkommener Anlass ist, um uns zu versichern, dass wir im Recht sind. Ich habe mich manchmal schon gefragt, was wir t\u00e4ten, wenn wir ihn nicht h\u00e4tten.\u00bb Obwohl auch diese \u00c4usserung zun\u00e4chst nur Kopfsch\u00fctteln und entr\u00fcstete Bemerkungen im Kollegium ausl\u00f6ste, wurden einige dennoch nachdenklich und willigten schliesslich in den Vorschlag der Kollegin ein, sich in dieser Disziplinfrage von einem Didaktik-Coach des p\u00e4dagogischen Landesinstituts begleiten zu lassen.<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\n<div class=\"textbox__content\">Zum 3. Leitsatz:<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">Der Hitlergruss von Kurt war eine Provokation. Die Emp\u00f6rung im Lehrerzimmer war deshalb nahezu ungeteilt, und die entschlossene Reaktion des Lehrers fand \u2014 wie beschrieben \u2014 grosse Zustimmung.<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">Als der betroffene Geschichtslehrer abends seiner Frau den erlebten Vorfall schilderte, meinte diese: \u00abAch, das war doch nur ein dummer Jungenstreich. Meinst du nicht, dass ihr da aus einer M\u00fccke einen Elefanten macht?\u00bb Ihr Versuch, ihren Mann zu beruhigen, l\u00f6ste bei ihm aber eine derart heftige Gegenreaktion aus, dass sie es vorzog, vorerst nichts mehr dazu zu sagen. Erst nach einer Weile beruhigte er sich wieder und suchte erneut das Gespr\u00e4ch. Nachdem sie ihm lange zugeh\u00f6rt und erkannt hatte, dass ihm die Sache wirklich nahe ging, versuchte sie ihm ihre Meinung zum Vorfall in einer etwas diplomatischeren Form nochmals zu erkl\u00e4ren, denn es gefiel ihr nicht, wie entschieden und rechthaberisch er auftrat: \u00abIch kann verstehen, dass dich Kurts Verhalten \u00e4rgert. Aber k\u00f6nnte sein Benehmen nicht auch Gr\u00fcnde haben, die ihr auf den ersten Blick nicht seht? Ihr versucht doch schon lange, ihm mit Strenge und Disziplin zu begegnen, doch bisher ohne Erfolg. Seine Provokationen werden vielmehr immer auff\u00e4lliger. W\u00e4re es nicht sinnvoll, einmal einen anderen Weg einzuschlagen? Ich weiss noch, wie idealistisch du warst, als du nach dem Studium in den Lehrerberuf eingestiegen bist. Damals stand f\u00fcr dich noch ganz klar fest, dass es in der schulischen Erziehung nicht darum gehen darf, Dinge, die uns emp\u00f6ren, zu unterbinden, sondern darum, die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung zu begleiten. Und manchmal ist diese Entwicklung halt krisenhaft und dann werden euch Lehrern auch Beleidigungen und Provokationen zugemutet. Aber das geh\u00f6rt eben dazu wie das Amen in der Kirche. Kinder wollen euch mit ihrem Verhalten immer irgendetwas sagen. Die Frage ist nur, wie ihr deren Botschaft entschl\u00fcsseln k\u00f6nnt. Was k\u00f6nnte er dir denn sagen wollen? Und welche Antwort kannst du ihm darauf geben? Es w\u00e4re doch wichtig, dass es eine andere Antwort ist als die, die ihm sein bisheriges Leben bereits gegeben hat!\u00bb<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\n<div class=\"textbox__content\">Zum 4. Leitsatz:<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">Im konkreten Fall bedeutet dies, dass wir zun\u00e4chst nicht wissen k\u00f6nnen, was in Kurt, dem als schwierig empfundenen Sch\u00fcler, vorgeht, und wir m\u00fcssen im Kontext einer systemischen P\u00e4dagogik alles tun, um die Dynamiken, aus denen heraus er denkt, f\u00fchlt und handelt, zu verstehen. Erst dann ist eine Aktion seitens der erziehungsverantwortlichen Lehrkr\u00e4fte m\u00f6glich, die den \u00abMitvollzug auf Seiten des die Wirkungen erleidenden Systems\u00bb zu gew\u00e4hrleisten vermag, statt bloss wieder einen Systemwiderstand auszul\u00f6sen, der dann erneut zu den vertrauten Eskalationsschleifen f\u00fchrt.<\/div>\n<\/div>\n<h2 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Literatur<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Arnold, Rolf &amp; Arnold-Haecky, Beatrice. (2009). <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Der Eid des Sisyphos. Eine Einf\u00fchrung in die systemische P\u00e4dagogik<\/i><\/span> (Systhemia, Bd. 1). Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren.<\/p>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">RTI-Ansatz: Inklusion statt Exklusion<\/h2>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">R\u00fcgener Inklusionsmodell (RIM)<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Das R\u00fcgener Inklusionsmodell, angewandt in der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>pr\u00e4ventiven und integrativen Schule<\/i><\/span> auf der Insel R\u00fcgen (PISaR) wurde von Prof. Bodo Hartke anl\u00e4sslich der Fortbildungstage der HfH im Januar 2014 vorgestellt. Der theoretische Hintergrund f\u00fcr das Projekt liegt im <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Response to <i>Intervention-Ansatz<\/i><\/span> (<a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"https:\/\/www.rim.uni-rostock.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">RTI-Ansatz<\/a>).<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Ziele des Projektes bestehen in der Pr\u00e4vention von sonderp\u00e4dagogischem F\u00f6rderbedarf und in der Integration von Kindern mit bereits vorliegenden Entwicklungsst\u00f6rungen in den Bereichen Lernen, Sprache und emotionale und soziale Entwicklung. Die F\u00f6rderung erfolgt auf drei Ebenen. Beginnend im gemeinsamen Unterricht mit allen Kindern (FE I), werden zus\u00e4tzlich auf der FE II Kinder in Kleingruppen gef\u00f6rdert, die nicht den erwarteten Lernerfolg im Klassenunterricht zeigen. Auf der Grundlage einer differenzierten Diagnostik werden Kinder auf der Stufe FE III durch den Sonderp\u00e4dagogen zus\u00e4tzlich individuell gef\u00f6rdert, sofern sich trotz intensiver F\u00f6rderung auf der FE II zu wenig oder kein Lernerfolg zeigt. Die Erfolgserwartung und der einbezogene Sch\u00fcleranteil auf den 3 Stufen FE ist unterschiedlich.<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Im RIM werden Lehr- und Lernmethoden, Unterrichtsmaterialien und F\u00f6rderprogramme eingesetzt, bei denen empirische Forschungsergebnisse nachgewiesen haben, dass die postulierte Effekte bei der Anwendung eintreten.<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Zur Identifikation von Kindern mit Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten und zur Evaluation der Passung von Lernausgangslagen und Unterricht bzw. F\u00f6rderung wird im RTI-Ansatz die Lernfortschrittsdokumentation (student monitoring) genutzt. Mit Hilfe von curriculumbasierten Messungen (CBM) werden die Lernfortschritte der Sch\u00fcler in umschriebenen Lernbereichen zeitnah erfasst. Neben den Kurztests werden zus\u00e4tzlich Screenings und standardisierte Messverfahren (Benchmarks) eingesetzt.<\/p>\n<p>Kurzinformation zum R\u00fcgener Inklusionsmodell:\u00a0<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/Ruegener_Inklusionsmodell-Kurzinformation_zum_Projekt-Broschuere-Kopie.pdf\">Ruegener_Inklusionsmodell-Kurzinformation_zum_Projekt-Broschuere Kopie<\/a><\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Im folgenden Videoausschnitt pr\u00e4sentiert Prof. Dr. Bodo Hartke den <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">RTI-Ansatz <\/span>(Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).<\/p>\n<figure class=\"wp-block-video\"><video src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/53_HartkeRTI1.mp4\" controls=\"controls\" width=\"1000\" height=\"150\"><track src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/53_HartkeRTI1.vtt\" srclang=\"de\" label=\"Deutsch\" kind=\"subtitles\" \/><\/video><\/figure>\n<h2>Literatur<\/h2>\n<p>Hartke, Bodo &amp; Vrban, Robert. (2011).<span class=\"ilc_text_inline_Emph\"> <i>Schwierige Sch\u00fcler &#8211; 49 Handlungsm\u00f6glichkeiten bei Verhaltensauff\u00e4lligkeiten<\/i><\/span><i>. <\/i>[1.-4. Klasse] (5. Aufl.). Buxtehude: Persen.<\/p>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Video: Systemische Modelle und Heilp\u00e4dagogik<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">In der folgenden Videoaufnahme spricht Marianne Wagner (Verantwortliche f\u00fcr das Ausbildungsmodul \u00abHerausforderndes Verhalten\u00bb) \u00fcber <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>systemische Konzepte in der Heilp\u00e4dagogik<\/i> <\/span>und ihre praktische Anwendung.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-video\"><video src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/54_Marianne_Wagner_Sept15.mp4\" controls=\"controls\" width=\"1000\" height=\"150\"><track src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/54_Marianne_Wagner_Sept15.vtt\" srclang=\"de\" label=\"Deutsch\" kind=\"subtitles\" \/><\/video><\/figure>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Links<\/h2>\n<ul>\n<li class=\"ilc_page_title_PageTitle\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Glossar <\/span>systemischer Begriffe auf der Homepage der DGsP (Deutsche Gesellschaft f\u00fcr systemische P\u00e4dagogik): <a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"http:\/\/www.dgsp.org\/glossar\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.dgsp.org\/glossar\/<\/a><\/li>\n<li class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Verbandszeitschrift <span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Systemische P\u00e4dagogik<\/span>: <a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"http:\/\/www.dgsp.org\/angebote\/zeitschrift-systemische-paedagogik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.dgsp.org\/angebote\/zeitschrift-systemische-paedagogik\/<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Systemische P\u00e4dagogik und Systemik als Haltung Systemisches Denken und Handeln ist Ausdruck einer besonderen Haltung gegen\u00fcber sich selbst und der Welt (Arnold &amp; Arnold-Haecky, 2009). Um sich diese Haltung anzueignen, braucht es systemisches Wissen, systemische Kompetenz und Bereitschaft zur Selbstreflexivit\u00e4t. Diese drei Voraussetzungen erm\u00f6glichen eine Haltung, die systemische Handlungskompetenz in der professionellen Begleitung von Ver\u00e4nderungsprozessen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":19,"menu_order":7,"template":"","meta":{"pb_show_title":"on","pb_short_title":"","pb_subtitle":"","pb_authors":[],"pb_section_license":""},"categories":[],"chapter-type":[],"contributor":[],"license":[],"class_list":["post-348","chapter","type-chapter","status-publish","hentry"],"part":112,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/348","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters"}],"about":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/types\/chapter"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/348\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1781,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/348\/revisions\/1781"}],"part":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/parts\/112"}],"metadata":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/348\/metadata\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=348"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=348"},{"taxonomy":"chapter-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapter-type?post=348"},{"taxonomy":"contributor","embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/contributor?post=348"},{"taxonomy":"license","embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/license?post=348"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}