{"id":340,"date":"2020-02-26T14:59:01","date_gmt":"2020-02-26T13:59:01","guid":{"rendered":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/?post_type=chapter&#038;p=340"},"modified":"2024-06-19T21:48:25","modified_gmt":"2024-06-19T19:48:25","slug":"geschichte-systemtheoretischer-konzepte","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/chapter\/geschichte-systemtheoretischer-konzepte\/","title":{"raw":"Geschichte systemtheoretischer Konzepte","rendered":"Geschichte systemtheoretischer Konzepte"},"content":{"raw":"<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Interdisziplin\u00e4re Systemforschung<\/h2>\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Selbstorganisation<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Entstehung von <i>Strukturen<\/i><\/span> und deren <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Stabilit\u00e4t<\/i> <\/span>ist eine der Kernfragen der interdisziplin\u00e4ren Systemforschung. Systeme antworten auf ver\u00e4nderte Bedingungen in autonomer Weise, d.h. die Ver\u00e4nderungen aufgrund dieser Bedingungen sind nicht eindeutig. Ein typisches Kennzeichen aller lebenden Systeme ist die Anpassungsf\u00e4higkeit durch Selbstr\u00fcckbez\u00fcglichkeit. Lebende Systeme sind anpassungsf\u00e4hig und k\u00f6nnen ihre Strukturen selbst ver\u00e4ndern und organisieren (Kriz, 2007).<\/p>\r\n\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Selbstorganisation als interdisziplin\u00e4res Ph\u00e4nomen<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Selbstorganisierte Prozesse der Ordnungsbildung wurden in vielen Bereichen gefunden (mikrophysikalische Prozesse, chemische Reaktionen, Organisation von Zellpopulationen). Es spricht vieles daf\u00fcr, auch biomedizinische, psychische und soziale Strukturbildungsprozesse als nichtlineare Systemdynamiken zu begreifen (Kriz, 2007).<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Einige <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Grundbegriffe<\/i> <\/span>der interdisziplin\u00e4ren Systemtheorie werden im folgenden Vertiefungsabschnitt ausf\u00fchrlicher vorgestellt:<\/p>\r\n\r\n<div class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">\r\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n<h4><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Grundbegriffe interdisziplin\u00e4rer Systemtheorie<\/span> (nach Kriz, 2007, S. 219)<\/h4>\r\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">System<\/span><\/h5>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Im vorliegenden Kontext geht es um <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>dynamische Systeme<\/i><\/span>. Dies sind von ihrer Umgebung abgegrenzte Variablennetze. Die Dynamiken der Variablen beeinflussen sich gegenseitig.<\/p>\r\n\r\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Chaos<\/span><\/h5>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Einerseits (a) ein <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>komplexes System<\/i><\/span>, das auf mikroskopischer Ebene zwar prinzipiell mittels Myriaden von Differentialgleichungen beschrieben werden k\u00f6nnte, was faktisch aber nicht m\u00f6glich ist. Ein Beispiel ist das Verhalten von unz\u00e4hligen Gasmolek\u00fclen in einem Beh\u00e4lter. Das mikroskopische Verhalten aller Molek\u00fcle ist faktisch nicht erfassbar.<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Das <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>deterministische Chaos<\/i><\/span> (b) ist eine Entdeckung der letzten Jahrzehnte. Es zeigte sich, dass selbst sehr einfache Systeme aus wenigen Elementen \u2014 im Extremfall durch eine einzige Variable im diskreten Fall oder bereits ab drei Differentialgleichungen im kontinuierlichen Fall \u2014 chaotische Entwicklungen zeigen k\u00f6nnen. Selbst wenn jeder einzelne Schritt mathematisch exakt aus dem vorhergehenden folgt (d. h. deterministisch ableitbar ist), ist die Entwicklung \u00fcber viele Schritte hinweg faktisch nicht berechenbar. Zwei Entwicklungslinien, die beliebig nahe beieinander liegen k\u00f6nnen \u2014 z. B. durch eine Messungenauigkeit beliebiger Kleinheit \u2014 streben dann extrem rasch auseinander. Prognosen sind deshalb nicht m\u00f6glich, weil immer eine minimale Unsicherheit \u00fcber den Ausgangszustand besteht, der dann eben zu v\u00f6llig unterschiedlichen Verl\u00e4ufen f\u00fchren kann.<\/p>\r\n\r\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Attraktor<\/span><\/h5>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Die (dynamisch) stabilen Ordnungen heissen <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Attraktoren<\/i><\/span>. Ein Attraktor ist in bestimmter Hinsicht das Gegenteil vom (deterministischen) Chaos: Unterschiedliche Entwicklungslinien laufen in dieser Ordnung zusammen \u2014 gegen\u00fcber m\u00e4ssigen St\u00f6rungen strebt das System somit immer wieder zum Attraktor, quasi eine Art \u00abSelbstheilungskraft\u00bb. Es gibt allerdings auch <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>chaotische Attraktoren<\/i><\/span>; das sind Dynamiken, die in einer oder mehreren Dimensionen (\u00abVariablen\u00bb) chaotisch sind. Es liegt nahe, viele Bereiche menschlicher Entwicklung als <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">chaotische <i>Attraktoren<\/i><\/span> zu konzipieren: In manchen Dimensionen findet st\u00e4ndige Entfaltung und Ausdifferenzierung statt, in anderen st\u00e4ndige Konvergenz (z. B. Kategorisierungen, Regel- und Schemabildung).<\/p>\r\n\r\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Emergenz<\/span><\/h5>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Selbstorganisierte Strukturbildung aus mikroskopischem Chaos heraus, bei der sich die Gesamtdynamik aus Myriaden mikroskopischer Teildynamiken zu einem (multidimensionalen) Attraktor stabilisiert, der durch wenige (makroskopische) Aspekte oder Variablen beschreibbar ist und somit kognitiv als \u00abOrdnung\u00bb erfasst wird.<\/p>\r\n\r\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Phasen\u00fcbergang<\/span><\/h5>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Ordnungsneubildung, die der Emergenz sehr verwandt ist, mit dem Unterschied, dass der Ausgangszustand nicht Chaos, sondern bereits emergierte Ordnung ist. Das System \u00e4ndert seine Struktur und seine kognitiv erfassbare Ordnung \u2014 es verl\u00e4sst somit (aufgrund ge\u00e4nderter Umgebungsbedingungen) einen Attraktor und sucht einen neuen auf.<\/p>\r\n\r\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Selbstorganisation<\/span><\/h5>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Ordnung im System<\/i><\/span> entsteht \u00fcber Emergenz und\/oder Phasen\u00fcbergang \u2014 also wesentlich aufgrund der inh\u00e4renten wechselseitigen Beziehungen der Variablen; externe Variablen der Umgebung des Systems stellen nur den Anlass (physikalisch ggf. die Energie) zur Verf\u00fcgung. Es wird also keine Ordnung von aussen importiert, sondern von innen entfaltet.<\/p>\r\n\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Autopoiese nach Maturana und Varela<\/h2>\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Geschichte systemtheoretischer Konzepte<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Erste Konzeptionen der Systemtheorie wurden anfangs des 20. Jahrhunderts entwickelt, so z. B. die <i><span class=\"ilc_text_inline_Emph\">General Systems Theory<\/span> <\/i>von Ludwig von Bertalanffy. Kernkonzept war das <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Fliessgleichgewicht<\/i><\/span>, wie es ein See mit Zu- und Abfluss repr\u00e4sentiert, der dynamisch seinen Wasserspiegel im Gleichgewicht h\u00e4lt. Sp\u00e4ter formulierte die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Kybernetik <\/span>von Norbert Wiener das <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Hom\u00f6ostase-Modell<\/i><\/span>. Dieses Modell wird veranschaulicht durch das Beispiel der Zentralheizung mit dem Zimmerthermostat, der die Temperatur im Raum auf konstantem Niveau h\u00e4lt. F\u00fcr technische Anwendungen sind kybernetische Modelle plausibel; eine Anwendung auf biologische, pychische oder soziale Systeme scheitert aber, weil hier nicht klar ist, wer den Thermostaten regelt (Kriz, 2007).<\/p>\r\n\r\n<div class=\"ilc_Mob\">\r\n\r\n[caption id=\"attachment_725\" align=\"alignright\" width=\"188\"]<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-120.png\"><img class=\"wp-image-725 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-120.png\" alt=\"Fotografie von Humberto Maturana und Francisco Varela.\" width=\"188\" height=\"246\" \/><\/a> (c) www.rc.unesp.br\/[\/caption]\r\n<h4><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Autopoiese <\/span>(nach Maturana\/Varela)<\/h4>\r\nDer Begriff <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Autopoiese<\/i> <\/span>wurde anfangs der 1970er Jahre\u00a0 von den Forschern Humberto Maturana und Francisco Varela eingef\u00fchrt, um die Funktion der lebenden Zelle zu beschreiben. \u00abEine lebende Zelle wird dabei als ein Netzwerk chemischer Reaktionen verstanden, das durch eben diese Reaktionen jene Teile und Prozesse erzeugt bzw. an ihnen rekursiv mitwirkt, die sich selbst erzeugen.\u00bb (Kriz, 2007, S. 220). Lebende Systeme werden als Prozesse charakterisiert, anstatt \u00fcber eine Aufz\u00e4hlung ihrer einzelnen Eigenschaften. Sie sind\u00a0<span class=\"ilc_text_inline_Emph\">rekursiv<\/span> organisiert, das heisst, das Produkt des funktionalen Zusammenwirkens ihrer Bestandteile ist wiederum jene Organisation, die die Bestandteile produziert.\r\n\r\nDurch diese besondere Form der Organisation lassen sich lebende von nicht-lebenden Systemen unterscheiden.\r\n\r\n<\/div>\r\n<h4 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Operationale Geschlossenheit<\/span> und<span class=\"ilc_text_inline_Strong\"> strukturelle Koppelung<\/span><\/h4>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Autopoietische Systeme, wie die lebende Zelle, sind <i><span class=\"ilc_text_inline_Emph\">operational geschlossene Systeme<\/span>.<\/i> Organismen, die aus vielen Zellen bestehen, nennt Maturana <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">autopoietische Systeme zweiter Ordnung<\/span>. Trotz der operationalen Abgeschlossenheit sind autopoietische Systeme nicht von der Umwelt und deren Struktur unabh\u00e4ngig, sondern gehen mit ihr eine <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>strukturelle Koppelung<\/i><\/span> ein \u2014 eine \u00abeffektive raumzeitliche Abstimmung der Zustandsver\u00e4nderungen des Organismus mit den rekurrenten Zustands\u00e4nderungen des Mediums\u00bb (Varela, Maturana &amp; Uribe, 1982, zit. nach Kriz, 2007).<\/p>\r\n\r\n<h4 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Radikaler Konstruktivismus<\/span><\/h4>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Autopoiese-Konzeption ist ein Teilaspekt einer umfassenderen erkenntnistheoretischen Konzeption Maturanas, mit der er den \u00abradikalen Konstruktivismus\u00bb propagierte. Die folgenden vier Thesen\u00a0 formulieren die Ideen des radikalen Konstruktivismus und bilden den Kern der Kognitionstheorie Maturanas (Ludewig, 1992, S. 59., zit. nach Kriz, 2007):<\/p>\r\n\r\n<div class=\"ilc_section_AdvancedKnowledge ilCOPageSection\">\r\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Menschliches Erkennen ist ein biologisches Ph\u00e4nomen und nicht durch die Objekte der Aussenwelt, sondern durch die Struktur des Organismus determiniert.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Menschen haben ein operational und funktional geschlossenes Nervensystem, das nicht zwischen internen und externen Ausl\u00f6sern differenziert; daher sind Wahrnehmung und Illusion, innerer und \u00e4usserer Reiz im Prinzip ununterscheidbar.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Menschliche Erkenntnis resultiert aus <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">privaten <\/span>Erfahrungen, ist als Leistung des Organismus grunds\u00e4tzlich subjektgebunden und damit un\u00fcbertragbar.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Der Gehalt kommunizierender Erkenntnisse richtet sich nach der biologischen Struktur des Adressaten.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Autopoiese nach Luhmann<\/h2>\r\n[caption id=\"attachment_726\" align=\"alignright\" width=\"122\"]<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-121.png\"><img class=\"wp-image-726 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-121.png\" alt=\"Bild von Niklas Luhmann\" width=\"122\" height=\"148\" \/><\/a> Niklas Luhmann[\/caption]\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Der Begriff <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Autopoiese<\/i> <\/span>(bei Luhmann meistens <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Autopoiesis <\/span>genannt) wird auch noch in einem zweiten Theoriengeb\u00e4ude verwendet, das mit der Theorie von Maturana\/Varela ausser der Annahme operationaler Geschlossenheit wenig gemeinsam hat (Kriz, 2007). In der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">soziologischen <i>Systemtheorie von Niklas Luhmann<\/i><\/span> wurde der Begriff <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Autopoiesis<\/span> auf die Betrachtung <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>sozialer Systeme<\/i><\/span> \u00fcbertragen. Er stellt <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Gesellschaft<\/i> <\/span>als System aller Kommunikationen den beiden Systemen <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Leben <\/span>(als Gesamtheit aller biologischen Vorg\u00e4nge) und <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Bewusstsein <\/span>(als Gesamtheit aller intrapsychischen kognitiven Vorg\u00e4nge) gegen\u00fcber (Kriz, 2007).<\/p>\r\n\r\n<div class=\"textbox\">Luhmanns zentrale These lautet, dass soziale Systeme ausschliesslich aus Kommunikation bestehen (nicht aus Subjekten, Akteuren, Individuen oder \u00e4hnlichem) und in Autopoiese operieren. Darunter ist zu verstehen, dass die Systeme sich in einem nicht zielgerichteten Prozess st\u00e4ndig aus sich selbst heraus erschaffen.<\/div>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Gem\u00e4ss Luhmann l\u00e4uft <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Kommunikation<\/i> <\/span>in sozialen Systemen \u00e4hnlich ab wie die Selbstreproduktion lebender Organismen. \u00c4hnlich wie diese nur Stoffe aus der Umwelt aufnehmen, die f\u00fcr ihre Selbstreproduktion relevant sind, nehmen auch Kommunikationssysteme in ihrer Umwelt nur das wahr, was zu ihrem Thema passt, was an den <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Sinn <\/span>der bisherigen Kommunikation <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>anschlussf\u00e4hig<\/i> <\/span>ist. Die Systeme <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>operieren<\/i> <\/span>st\u00e4ndig, da sie sonst nicht existieren. Sie operieren so, dass sich weitere Operationen anschliessen k\u00f6nnen <i>(<span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Anschlussf\u00e4higkeit<\/span>)<\/i>. Demnach arbeiten die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Massenmedien<\/i> <\/span>als Fortsetzungsapparate: Sie senden, drucken, berichten immer so, dass weitere derartige Operationen folgen m\u00fcssen, und sichern so ihre Anschlussf\u00e4higkeit.<\/p>\r\n\r\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Interpenetration<\/span><\/h3>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Interdependenzen zwischen den Systemen (bei Maturana\/Varela mit dem Konzept der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>strukturellen Koppelung<\/i><\/span> erfasst), werden bei Luhmann \u00fcber das Konzept der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Interpenetration<\/i> <\/span>thematisiert. Obschon Luhmann sagt, dass \u00abeine therapeutische Praxis haupts\u00e4chlich an Fragen interessiert sein wird, die sich aus den Interdependenzen dieser Systeme ergeben\u00bb, wird der Begriff der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Interpenetration<\/i> <\/span>nur sehr vage erkl\u00e4rt (Kriz, 2007).<\/p>\r\n\r\n<div class=\"ilc_section_AdvancedKnowledge ilCOPageSection\">\r\n<div class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">\r\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n<h4><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Bewusstsein und Kommunikation<\/span><\/h4>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">F\u00fcr die systemische Therapie sind vor allem Bewusstseins- und Kommunikationsprozesse wichtig. Kriz (2007) schreibt dazu:<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Gleichwohl ist jener Aspekt der Luhmannschen Konzeption gerade auch f\u00fcr Therapeuten beachtens- und bedenkenswert, dass Bewusstseinsprozesse und Kommunikationsprozesse sich wechselseitig einen Kapazit\u00e4ts\u00fcberschuss zur Verf\u00fcgung stellen. Hieraus ergibt sich die Betonung der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Selektionsvorg\u00e4nge<\/i><\/span>: Mit welchen Aspekten der gerade ablaufenden Kommunikation besch\u00e4ftigt sich mein Bewusstsein? Und welche Aspekte dessen, was gerade mein Bewusstsein besch\u00e4ftigt, bringe ich in die Kommunikation ein? Dar\u00fcber hinaus wird der Fokus auf die Tatsache gelenkt, dass einerseits ein grosser Teil der Kommunikation, gerade zwischen Partnern und in der Familie, darum kreist, was jemand <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>wirklich<\/i><\/span>gemeint hat, bzw. was er <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>wirklich<\/i><\/span>will, f\u00fchlt und denkt, ob er es \u00abehrlich meint\u00bb, wie \u00aboffen\u00bb er ist, etc. Andererseits kreist ein grosser Teil der Gedanken, wieder gerade in Bezug auf Partner und Familie (wegen der dort erwarteten Intimit\u00e4t, in problematischen Situationen, aber z. B. auch in Bezug auf Kollegen, Vorgesetzte etc. im System <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Arbeitsplatz<\/i><\/span>), um Fragen, ob man auch richtig verstanden wird, ob die Kommunikation gelingt, was wohl diese oder jene kommunikative Handlung bedeutet etc. (Kriz, 2007).<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Im folgenden Videoausschnitt spricht Niklas Luhmann \u00fcber zentrale Punkte seiner Systemtheorie.<\/p>\r\n[embed]https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TuQgWelrGXY&amp;feature=emb_logo[\/embed]\r\n\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Interdisziplin\u00e4re Synergetik<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Kriz (2007) bezweifelt die praktische Brauchbarkeit des Autopoiese-Konzepts f\u00fcr sozialwissenschaftliche Fragestellungen, weil gerade die wichtigen Interdependenzen zwischen Systemen nur mit vagen Konzepten wie <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Interpenetration<\/i><\/span>oder <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>struktureller<\/i><i>Koppelung<\/i><\/span> beschrieben werden (vgl. Luhmann, resp. Maturana\/Varela), w\u00e4hrend Psychologen und P\u00e4dagogen doch eher an Verbindungen und Struktur\u00e4nderungen interessiert sind (Kriz, 2007, S. 222).<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_727\" align=\"alignright\" width=\"155\"]<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-122.png\"><img class=\"wp-image-727 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-122.png\" alt=\"Fotografie von Hermann Haken. Hermann Haken\" width=\"155\" height=\"190\" \/><\/a> (c) Wikipedia[\/caption]\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Eine umfassende systemtheoretische Konzeption, die explizit auch sozialwissenschaftliche Aspekte umfasst, ist die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Synergetik<\/i><\/span>, die \u00abLehre vom Zusammenwirken\u00bb von <span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>Hermann Haken<\/b><\/span> (1978, 1981). Die Synergetik ist die Lehre vom Zusammenwirken von Elementen (bspw. Molek\u00fcle, Zellen, aber auch Menschen), die innerhalb eines komplexen dynamischen Systems miteinander in Wechselwirkung treten. Die dabei festzustellenden Prinzipien und Gesetzm\u00e4ssigkeiten kommen universell in Physik, Chemie, Biologie, Psychologie und Soziologie vor und erm\u00f6glichen eine einheitliche mathematische Beschreibung dieser Ph\u00e4nomene. Entstanden aus der Lasertheorie, besch\u00e4ftigt sich die Synergetik inzwischen ganz allgemein mit Systemen, die aus sehr vielen Komponenten oder Subsystemen bestehen. Analysiert wird dabei insbesondere das Zusammenwirken oder kooperative Verhalten dieser Komponenten im Sinne der Selbstorganisation. Dabei k\u00f6nnen auf der jeweils makroskopischen Ebene neue Ph\u00e4nomene auftreten, die sich qualitativ von den Ph\u00e4nomenen der Mikroebene deutlich unterscheiden (Kriz, 2007).<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Hermann Haken hat <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>interdisziplin\u00e4re<\/i><i>Pionierarbeit<\/i><\/span> geleistet und mit der Synergetik die Analyse selbstorganisierender Systeme auch in anderen Disziplinen angeregt. Einerseits gibt es zahlreiche Beispiele f\u00fcr unbelebte Systeme, bei denen wohlorganisierte r\u00e4umliche, zeitliche oder raumzeitliche Strukturen aus ungeordneten Zust\u00e4nden heraus entstehen, oder die eine bestimmte strukturelle Ordnung verlassen, um nach Durchlaufen von Instabilit\u00e4t neue Konfigurationen zu bilden <i>(<span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Phasen\u00fcberg\u00e4nge<\/span>)<\/i>. Zunehmend wird die Synergetik aber auch auf die Analyse <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">belebter und <i>kognitiver Systeme<\/i><\/span> angewendet, also auf human- und sozialwissenschaftliche Bereiche (Kriz, 2007).<\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Gerade f\u00fcr eine pr\u00e4zise Formulierung und Modellierung von Selbstorganisations-Dynamiken in Gruppen oder Familien sowie bei kognitiven Prozessen hat sich die Synergetik als fruchtbares Instrument erwiesen (Haken und Schiepek, 2006) .<\/p>\r\n\r\n<h2 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Literatur<\/h2>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Haken, Hermann &amp; Schiepek, G\u00fcnter. (2006). <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation verstehen und gestalten<\/i><\/span><i>. <\/i>G\u00f6ttingen: Hogrefe.<\/p>\r\n\r\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n\r\n[caption id=\"attachment_728\" align=\"alignright\" width=\"145\"]<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-123.png\"><img class=\"wp-image-728 size-medium\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-123-145x300.png\" alt=\"Die zweiteilige Grafik zeigt zwei Finger in gleichgerichter und in gegenl\u00e4ufiger Bewegung.\" width=\"145\" height=\"300\" \/><\/a> (c) Spektrum Akademischer Verlag[\/caption]\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Beispiel zur Synergetik:\u00a0<span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>Phasen\u00fcbergang <\/b><\/span>in einem <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Koordinationsexperiment<\/i>:<\/span><\/p>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Example\">Bewegt man die Zeigefinger beider H\u00e4nde jeweils beide nach links, dann nach rechts und wieder nach links usw. und steigert die Frequenz dieser gegenphasigen Bewegungen kontinuierlich, kommt es pl\u00f6tzlich und unwillk\u00fcrlich zum Umschlag in die Gleichphase, und beide Finger bewegen sich nun jeweils voneinander weg oder aufeinander zu. Die Synergetik hat einen formalen Rahmen entwickelt, um solche und andere Selbstorganisationsvorg\u00e4nge zu erkl\u00e4ren. (Aus Hermann Haken, 1999: <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>LEXIKON DER BIOLOGIE: Synergetik: <\/i><\/span>online: <a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"http:\/\/www.spektrum.de\/lexikon\/biologie\/synergetik\/65058&amp;_druck=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.spektrum.de\/lexikon\/biologie\/synergetik\/65058&amp;_druck=1<\/a><\/p>\r\n\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n&nbsp;\r\n\r\n<\/div>\r\n&nbsp;\r\n<div class=\"ilc_section_AdvancedKnowledge ilCOPageSection\">\r\n\r\n&nbsp;\r\n\r\n<\/div>\r\n<\/div>","rendered":"<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Interdisziplin\u00e4re Systemforschung<\/h2>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Selbstorganisation<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Entstehung von <i>Strukturen<\/i><\/span> und deren <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Stabilit\u00e4t<\/i> <\/span>ist eine der Kernfragen der interdisziplin\u00e4ren Systemforschung. Systeme antworten auf ver\u00e4nderte Bedingungen in autonomer Weise, d.h. die Ver\u00e4nderungen aufgrund dieser Bedingungen sind nicht eindeutig. Ein typisches Kennzeichen aller lebenden Systeme ist die Anpassungsf\u00e4higkeit durch Selbstr\u00fcckbez\u00fcglichkeit. Lebende Systeme sind anpassungsf\u00e4hig und k\u00f6nnen ihre Strukturen selbst ver\u00e4ndern und organisieren (Kriz, 2007).<\/p>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Selbstorganisation als interdisziplin\u00e4res Ph\u00e4nomen<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Selbstorganisierte Prozesse der Ordnungsbildung wurden in vielen Bereichen gefunden (mikrophysikalische Prozesse, chemische Reaktionen, Organisation von Zellpopulationen). Es spricht vieles daf\u00fcr, auch biomedizinische, psychische und soziale Strukturbildungsprozesse als nichtlineare Systemdynamiken zu begreifen (Kriz, 2007).<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Einige <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Grundbegriffe<\/i> <\/span>der interdisziplin\u00e4ren Systemtheorie werden im folgenden Vertiefungsabschnitt ausf\u00fchrlicher vorgestellt:<\/p>\n<div class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\n<div class=\"textbox__content\">\n<h4><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Grundbegriffe interdisziplin\u00e4rer Systemtheorie<\/span> (nach Kriz, 2007, S. 219)<\/h4>\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">System<\/span><\/h5>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Im vorliegenden Kontext geht es um <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>dynamische Systeme<\/i><\/span>. Dies sind von ihrer Umgebung abgegrenzte Variablennetze. Die Dynamiken der Variablen beeinflussen sich gegenseitig.<\/p>\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Chaos<\/span><\/h5>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Einerseits (a) ein <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>komplexes System<\/i><\/span>, das auf mikroskopischer Ebene zwar prinzipiell mittels Myriaden von Differentialgleichungen beschrieben werden k\u00f6nnte, was faktisch aber nicht m\u00f6glich ist. Ein Beispiel ist das Verhalten von unz\u00e4hligen Gasmolek\u00fclen in einem Beh\u00e4lter. Das mikroskopische Verhalten aller Molek\u00fcle ist faktisch nicht erfassbar.<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Das <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>deterministische Chaos<\/i><\/span> (b) ist eine Entdeckung der letzten Jahrzehnte. Es zeigte sich, dass selbst sehr einfache Systeme aus wenigen Elementen \u2014 im Extremfall durch eine einzige Variable im diskreten Fall oder bereits ab drei Differentialgleichungen im kontinuierlichen Fall \u2014 chaotische Entwicklungen zeigen k\u00f6nnen. Selbst wenn jeder einzelne Schritt mathematisch exakt aus dem vorhergehenden folgt (d. h. deterministisch ableitbar ist), ist die Entwicklung \u00fcber viele Schritte hinweg faktisch nicht berechenbar. Zwei Entwicklungslinien, die beliebig nahe beieinander liegen k\u00f6nnen \u2014 z. B. durch eine Messungenauigkeit beliebiger Kleinheit \u2014 streben dann extrem rasch auseinander. Prognosen sind deshalb nicht m\u00f6glich, weil immer eine minimale Unsicherheit \u00fcber den Ausgangszustand besteht, der dann eben zu v\u00f6llig unterschiedlichen Verl\u00e4ufen f\u00fchren kann.<\/p>\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Attraktor<\/span><\/h5>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Die (dynamisch) stabilen Ordnungen heissen <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Attraktoren<\/i><\/span>. Ein Attraktor ist in bestimmter Hinsicht das Gegenteil vom (deterministischen) Chaos: Unterschiedliche Entwicklungslinien laufen in dieser Ordnung zusammen \u2014 gegen\u00fcber m\u00e4ssigen St\u00f6rungen strebt das System somit immer wieder zum Attraktor, quasi eine Art \u00abSelbstheilungskraft\u00bb. Es gibt allerdings auch <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>chaotische Attraktoren<\/i><\/span>; das sind Dynamiken, die in einer oder mehreren Dimensionen (\u00abVariablen\u00bb) chaotisch sind. Es liegt nahe, viele Bereiche menschlicher Entwicklung als <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">chaotische <i>Attraktoren<\/i><\/span> zu konzipieren: In manchen Dimensionen findet st\u00e4ndige Entfaltung und Ausdifferenzierung statt, in anderen st\u00e4ndige Konvergenz (z. B. Kategorisierungen, Regel- und Schemabildung).<\/p>\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Emergenz<\/span><\/h5>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Selbstorganisierte Strukturbildung aus mikroskopischem Chaos heraus, bei der sich die Gesamtdynamik aus Myriaden mikroskopischer Teildynamiken zu einem (multidimensionalen) Attraktor stabilisiert, der durch wenige (makroskopische) Aspekte oder Variablen beschreibbar ist und somit kognitiv als \u00abOrdnung\u00bb erfasst wird.<\/p>\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Phasen\u00fcbergang<\/span><\/h5>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Ordnungsneubildung, die der Emergenz sehr verwandt ist, mit dem Unterschied, dass der Ausgangszustand nicht Chaos, sondern bereits emergierte Ordnung ist. Das System \u00e4ndert seine Struktur und seine kognitiv erfassbare Ordnung \u2014 es verl\u00e4sst somit (aufgrund ge\u00e4nderter Umgebungsbedingungen) einen Attraktor und sucht einen neuen auf.<\/p>\n<h5 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Selbstorganisation<\/span><\/h5>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Ordnung im System<\/i><\/span> entsteht \u00fcber Emergenz und\/oder Phasen\u00fcbergang \u2014 also wesentlich aufgrund der inh\u00e4renten wechselseitigen Beziehungen der Variablen; externe Variablen der Umgebung des Systems stellen nur den Anlass (physikalisch ggf. die Energie) zur Verf\u00fcgung. Es wird also keine Ordnung von aussen importiert, sondern von innen entfaltet.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Autopoiese nach Maturana und Varela<\/h2>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Geschichte systemtheoretischer Konzepte<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Erste Konzeptionen der Systemtheorie wurden anfangs des 20. Jahrhunderts entwickelt, so z. B. die <i><span class=\"ilc_text_inline_Emph\">General Systems Theory<\/span> <\/i>von Ludwig von Bertalanffy. Kernkonzept war das <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Fliessgleichgewicht<\/i><\/span>, wie es ein See mit Zu- und Abfluss repr\u00e4sentiert, der dynamisch seinen Wasserspiegel im Gleichgewicht h\u00e4lt. Sp\u00e4ter formulierte die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Kybernetik <\/span>von Norbert Wiener das <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Hom\u00f6ostase-Modell<\/i><\/span>. Dieses Modell wird veranschaulicht durch das Beispiel der Zentralheizung mit dem Zimmerthermostat, der die Temperatur im Raum auf konstantem Niveau h\u00e4lt. F\u00fcr technische Anwendungen sind kybernetische Modelle plausibel; eine Anwendung auf biologische, pychische oder soziale Systeme scheitert aber, weil hier nicht klar ist, wer den Thermostaten regelt (Kriz, 2007).<\/p>\n<div class=\"ilc_Mob\">\n<figure id=\"attachment_725\" aria-describedby=\"caption-attachment-725\" style=\"width: 188px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-120.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-725 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-120.png\" alt=\"Fotografie von Humberto Maturana und Francisco Varela.\" width=\"188\" height=\"246\" srcset=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-120.png 188w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-120-65x85.png 65w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-725\" class=\"wp-caption-text\">(c) www.rc.unesp.br\/<\/figcaption><\/figure>\n<h4><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Autopoiese <\/span>(nach Maturana\/Varela)<\/h4>\n<p>Der Begriff <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Autopoiese<\/i> <\/span>wurde anfangs der 1970er Jahre\u00a0 von den Forschern Humberto Maturana und Francisco Varela eingef\u00fchrt, um die Funktion der lebenden Zelle zu beschreiben. \u00abEine lebende Zelle wird dabei als ein Netzwerk chemischer Reaktionen verstanden, das durch eben diese Reaktionen jene Teile und Prozesse erzeugt bzw. an ihnen rekursiv mitwirkt, die sich selbst erzeugen.\u00bb (Kriz, 2007, S. 220). Lebende Systeme werden als Prozesse charakterisiert, anstatt \u00fcber eine Aufz\u00e4hlung ihrer einzelnen Eigenschaften. Sie sind\u00a0<span class=\"ilc_text_inline_Emph\">rekursiv<\/span> organisiert, das heisst, das Produkt des funktionalen Zusammenwirkens ihrer Bestandteile ist wiederum jene Organisation, die die Bestandteile produziert.<\/p>\n<p>Durch diese besondere Form der Organisation lassen sich lebende von nicht-lebenden Systemen unterscheiden.<\/p>\n<\/div>\n<h4 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Operationale Geschlossenheit<\/span> und<span class=\"ilc_text_inline_Strong\"> strukturelle Koppelung<\/span><\/h4>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Autopoietische Systeme, wie die lebende Zelle, sind <i><span class=\"ilc_text_inline_Emph\">operational geschlossene Systeme<\/span>.<\/i> Organismen, die aus vielen Zellen bestehen, nennt Maturana <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">autopoietische Systeme zweiter Ordnung<\/span>. Trotz der operationalen Abgeschlossenheit sind autopoietische Systeme nicht von der Umwelt und deren Struktur unabh\u00e4ngig, sondern gehen mit ihr eine <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>strukturelle Koppelung<\/i><\/span> ein \u2014 eine \u00abeffektive raumzeitliche Abstimmung der Zustandsver\u00e4nderungen des Organismus mit den rekurrenten Zustands\u00e4nderungen des Mediums\u00bb (Varela, Maturana &amp; Uribe, 1982, zit. nach Kriz, 2007).<\/p>\n<h4 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Radikaler Konstruktivismus<\/span><\/h4>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Autopoiese-Konzeption ist ein Teilaspekt einer umfassenderen erkenntnistheoretischen Konzeption Maturanas, mit der er den \u00abradikalen Konstruktivismus\u00bb propagierte. Die folgenden vier Thesen\u00a0 formulieren die Ideen des radikalen Konstruktivismus und bilden den Kern der Kognitionstheorie Maturanas (Ludewig, 1992, S. 59., zit. nach Kriz, 2007):<\/p>\n<div class=\"ilc_section_AdvancedKnowledge ilCOPageSection\">\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\n<div class=\"textbox__content\">\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Menschliches Erkennen ist ein biologisches Ph\u00e4nomen und nicht durch die Objekte der Aussenwelt, sondern durch die Struktur des Organismus determiniert.<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Menschen haben ein operational und funktional geschlossenes Nervensystem, das nicht zwischen internen und externen Ausl\u00f6sern differenziert; daher sind Wahrnehmung und Illusion, innerer und \u00e4usserer Reiz im Prinzip ununterscheidbar.<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Menschliche Erkenntnis resultiert aus <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">privaten <\/span>Erfahrungen, ist als Leistung des Organismus grunds\u00e4tzlich subjektgebunden und damit un\u00fcbertragbar.<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Der Gehalt kommunizierender Erkenntnisse richtet sich nach der biologischen Struktur des Adressaten.<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<\/div>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Autopoiese nach Luhmann<\/h2>\n<figure id=\"attachment_726\" aria-describedby=\"caption-attachment-726\" style=\"width: 122px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-121.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-726 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-121.png\" alt=\"Bild von Niklas Luhmann\" width=\"122\" height=\"148\" srcset=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-121.png 122w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-121-65x79.png 65w\" sizes=\"auto, (max-width: 122px) 100vw, 122px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-726\" class=\"wp-caption-text\">Niklas Luhmann<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Der Begriff <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Autopoiese<\/i> <\/span>(bei Luhmann meistens <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Autopoiesis <\/span>genannt) wird auch noch in einem zweiten Theoriengeb\u00e4ude verwendet, das mit der Theorie von Maturana\/Varela ausser der Annahme operationaler Geschlossenheit wenig gemeinsam hat (Kriz, 2007). In der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">soziologischen <i>Systemtheorie von Niklas Luhmann<\/i><\/span> wurde der Begriff <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Autopoiesis<\/span> auf die Betrachtung <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>sozialer Systeme<\/i><\/span> \u00fcbertragen. Er stellt <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Gesellschaft<\/i> <\/span>als System aller Kommunikationen den beiden Systemen <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Leben <\/span>(als Gesamtheit aller biologischen Vorg\u00e4nge) und <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Bewusstsein <\/span>(als Gesamtheit aller intrapsychischen kognitiven Vorg\u00e4nge) gegen\u00fcber (Kriz, 2007).<\/p>\n<div class=\"textbox\">Luhmanns zentrale These lautet, dass soziale Systeme ausschliesslich aus Kommunikation bestehen (nicht aus Subjekten, Akteuren, Individuen oder \u00e4hnlichem) und in Autopoiese operieren. Darunter ist zu verstehen, dass die Systeme sich in einem nicht zielgerichteten Prozess st\u00e4ndig aus sich selbst heraus erschaffen.<\/div>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Gem\u00e4ss Luhmann l\u00e4uft <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Kommunikation<\/i> <\/span>in sozialen Systemen \u00e4hnlich ab wie die Selbstreproduktion lebender Organismen. \u00c4hnlich wie diese nur Stoffe aus der Umwelt aufnehmen, die f\u00fcr ihre Selbstreproduktion relevant sind, nehmen auch Kommunikationssysteme in ihrer Umwelt nur das wahr, was zu ihrem Thema passt, was an den <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Sinn <\/span>der bisherigen Kommunikation <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>anschlussf\u00e4hig<\/i> <\/span>ist. Die Systeme <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>operieren<\/i> <\/span>st\u00e4ndig, da sie sonst nicht existieren. Sie operieren so, dass sich weitere Operationen anschliessen k\u00f6nnen <i>(<span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Anschlussf\u00e4higkeit<\/span>)<\/i>. Demnach arbeiten die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Massenmedien<\/i> <\/span>als Fortsetzungsapparate: Sie senden, drucken, berichten immer so, dass weitere derartige Operationen folgen m\u00fcssen, und sichern so ihre Anschlussf\u00e4higkeit.<\/p>\n<h3 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\"><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Interpenetration<\/span><\/h3>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Die Interdependenzen zwischen den Systemen (bei Maturana\/Varela mit dem Konzept der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>strukturellen Koppelung<\/i><\/span> erfasst), werden bei Luhmann \u00fcber das Konzept der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Interpenetration<\/i> <\/span>thematisiert. Obschon Luhmann sagt, dass \u00abeine therapeutische Praxis haupts\u00e4chlich an Fragen interessiert sein wird, die sich aus den Interdependenzen dieser Systeme ergeben\u00bb, wird der Begriff der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Interpenetration<\/i> <\/span>nur sehr vage erkl\u00e4rt (Kriz, 2007).<\/p>\n<div class=\"ilc_section_AdvancedKnowledge ilCOPageSection\">\n<div class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\n<div class=\"textbox__content\">\n<h4><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Bewusstsein und Kommunikation<\/span><\/h4>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">F\u00fcr die systemische Therapie sind vor allem Bewusstseins- und Kommunikationsprozesse wichtig. Kriz (2007) schreibt dazu:<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_StandardMitEinzug\">Gleichwohl ist jener Aspekt der Luhmannschen Konzeption gerade auch f\u00fcr Therapeuten beachtens- und bedenkenswert, dass Bewusstseinsprozesse und Kommunikationsprozesse sich wechselseitig einen Kapazit\u00e4ts\u00fcberschuss zur Verf\u00fcgung stellen. Hieraus ergibt sich die Betonung der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Selektionsvorg\u00e4nge<\/i><\/span>: Mit welchen Aspekten der gerade ablaufenden Kommunikation besch\u00e4ftigt sich mein Bewusstsein? Und welche Aspekte dessen, was gerade mein Bewusstsein besch\u00e4ftigt, bringe ich in die Kommunikation ein? Dar\u00fcber hinaus wird der Fokus auf die Tatsache gelenkt, dass einerseits ein grosser Teil der Kommunikation, gerade zwischen Partnern und in der Familie, darum kreist, was jemand <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>wirklich<\/i><\/span>gemeint hat, bzw. was er <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>wirklich<\/i><\/span>will, f\u00fchlt und denkt, ob er es \u00abehrlich meint\u00bb, wie \u00aboffen\u00bb er ist, etc. Andererseits kreist ein grosser Teil der Gedanken, wieder gerade in Bezug auf Partner und Familie (wegen der dort erwarteten Intimit\u00e4t, in problematischen Situationen, aber z. B. auch in Bezug auf Kollegen, Vorgesetzte etc. im System <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Arbeitsplatz<\/i><\/span>), um Fragen, ob man auch richtig verstanden wird, ob die Kommunikation gelingt, was wohl diese oder jene kommunikative Handlung bedeutet etc. (Kriz, 2007).<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Im folgenden Videoausschnitt spricht Niklas Luhmann \u00fcber zentrale Punkte seiner Systemtheorie.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" id=\"oembed-1\" title=\"Niklas Luhmann ueber seine Systemtheorie\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/TuQgWelrGXY?feature=oembed&#38;rel=0\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Interdisziplin\u00e4re Synergetik<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Kriz (2007) bezweifelt die praktische Brauchbarkeit des Autopoiese-Konzepts f\u00fcr sozialwissenschaftliche Fragestellungen, weil gerade die wichtigen Interdependenzen zwischen Systemen nur mit vagen Konzepten wie <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Interpenetration<\/i><\/span>oder <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>struktureller<\/i><i>Koppelung<\/i><\/span> beschrieben werden (vgl. Luhmann, resp. Maturana\/Varela), w\u00e4hrend Psychologen und P\u00e4dagogen doch eher an Verbindungen und Struktur\u00e4nderungen interessiert sind (Kriz, 2007, S. 222).<\/p>\n<figure id=\"attachment_727\" aria-describedby=\"caption-attachment-727\" style=\"width: 155px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-122.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-727 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-122.png\" alt=\"Fotografie von Hermann Haken. Hermann Haken\" width=\"155\" height=\"190\" srcset=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-122.png 155w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-122-65x80.png 65w\" sizes=\"auto, (max-width: 155px) 100vw, 155px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-727\" class=\"wp-caption-text\">(c) Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Eine umfassende systemtheoretische Konzeption, die explizit auch sozialwissenschaftliche Aspekte umfasst, ist die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Synergetik<\/i><\/span>, die \u00abLehre vom Zusammenwirken\u00bb von <span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>Hermann Haken<\/b><\/span> (1978, 1981). Die Synergetik ist die Lehre vom Zusammenwirken von Elementen (bspw. Molek\u00fcle, Zellen, aber auch Menschen), die innerhalb eines komplexen dynamischen Systems miteinander in Wechselwirkung treten. Die dabei festzustellenden Prinzipien und Gesetzm\u00e4ssigkeiten kommen universell in Physik, Chemie, Biologie, Psychologie und Soziologie vor und erm\u00f6glichen eine einheitliche mathematische Beschreibung dieser Ph\u00e4nomene. Entstanden aus der Lasertheorie, besch\u00e4ftigt sich die Synergetik inzwischen ganz allgemein mit Systemen, die aus sehr vielen Komponenten oder Subsystemen bestehen. Analysiert wird dabei insbesondere das Zusammenwirken oder kooperative Verhalten dieser Komponenten im Sinne der Selbstorganisation. Dabei k\u00f6nnen auf der jeweils makroskopischen Ebene neue Ph\u00e4nomene auftreten, die sich qualitativ von den Ph\u00e4nomenen der Mikroebene deutlich unterscheiden (Kriz, 2007).<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Hermann Haken hat <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>interdisziplin\u00e4re<\/i><i>Pionierarbeit<\/i><\/span> geleistet und mit der Synergetik die Analyse selbstorganisierender Systeme auch in anderen Disziplinen angeregt. Einerseits gibt es zahlreiche Beispiele f\u00fcr unbelebte Systeme, bei denen wohlorganisierte r\u00e4umliche, zeitliche oder raumzeitliche Strukturen aus ungeordneten Zust\u00e4nden heraus entstehen, oder die eine bestimmte strukturelle Ordnung verlassen, um nach Durchlaufen von Instabilit\u00e4t neue Konfigurationen zu bilden <i>(<span class=\"ilc_text_inline_Emph\">Phasen\u00fcberg\u00e4nge<\/span>)<\/i>. Zunehmend wird die Synergetik aber auch auf die Analyse <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">belebter und <i>kognitiver Systeme<\/i><\/span> angewendet, also auf human- und sozialwissenschaftliche Bereiche (Kriz, 2007).<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Gerade f\u00fcr eine pr\u00e4zise Formulierung und Modellierung von Selbstorganisations-Dynamiken in Gruppen oder Familien sowie bei kognitiven Prozessen hat sich die Synergetik als fruchtbares Instrument erwiesen (Haken und Schiepek, 2006) .<\/p>\n<h2 class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Literatur<\/h2>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Haken, Hermann &amp; Schiepek, G\u00fcnter. (2006). <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation verstehen und gestalten<\/i><\/span><i>. <\/i>G\u00f6ttingen: Hogrefe.<\/p>\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\n<div class=\"textbox__content\">\n<figure id=\"attachment_728\" aria-describedby=\"caption-attachment-728\" style=\"width: 145px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-123.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-728 size-medium\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-123-145x300.png\" alt=\"Die zweiteilige Grafik zeigt zwei Finger in gleichgerichter und in gegenl\u00e4ufiger Bewegung.\" width=\"145\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-123-145x300.png 145w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-123-65x135.png 65w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-123-225x466.png 225w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-123.png 281w\" sizes=\"auto, (max-width: 145px) 100vw, 145px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-728\" class=\"wp-caption-text\">(c) Spektrum Akademischer Verlag<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Beispiel zur Synergetik:\u00a0<span class=\"ilc_text_inline_Strong\"><b>Phasen\u00fcbergang <\/b><\/span>in einem <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Koordinationsexperiment<\/i>:<\/span><\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Example\">Bewegt man die Zeigefinger beider H\u00e4nde jeweils beide nach links, dann nach rechts und wieder nach links usw. und steigert die Frequenz dieser gegenphasigen Bewegungen kontinuierlich, kommt es pl\u00f6tzlich und unwillk\u00fcrlich zum Umschlag in die Gleichphase, und beide Finger bewegen sich nun jeweils voneinander weg oder aufeinander zu. Die Synergetik hat einen formalen Rahmen entwickelt, um solche und andere Selbstorganisationsvorg\u00e4nge zu erkl\u00e4ren. (Aus Hermann Haken, 1999: <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>LEXIKON DER BIOLOGIE: Synergetik: <\/i><\/span>online: <a class=\"ilc_link_ExtLink\" href=\"http:\/\/www.spektrum.de\/lexikon\/biologie\/synergetik\/65058&amp;_druck=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.spektrum.de\/lexikon\/biologie\/synergetik\/65058&amp;_druck=1<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"ilc_section_AdvancedKnowledge ilCOPageSection\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interdisziplin\u00e4re Systemforschung Selbstorganisation Die Entstehung von Strukturen und deren Stabilit\u00e4t ist eine der Kernfragen der interdisziplin\u00e4ren Systemforschung. Systeme antworten auf ver\u00e4nderte Bedingungen in autonomer Weise, d.h. die Ver\u00e4nderungen aufgrund dieser Bedingungen sind nicht eindeutig. Ein typisches Kennzeichen aller lebenden Systeme ist die Anpassungsf\u00e4higkeit durch Selbstr\u00fcckbez\u00fcglichkeit. Lebende Systeme sind anpassungsf\u00e4hig und k\u00f6nnen ihre Strukturen selbst ver\u00e4ndern [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":19,"menu_order":3,"template":"","meta":{"pb_show_title":"on","pb_short_title":"","pb_subtitle":"","pb_authors":[],"pb_section_license":""},"categories":[],"chapter-type":[],"contributor":[],"license":[],"class_list":["post-340","chapter","type-chapter","status-publish","hentry"],"part":112,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/340","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters"}],"about":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/types\/chapter"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/340\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1609,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/340\/revisions\/1609"}],"part":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/parts\/112"}],"metadata":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/340\/metadata\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=340"},{"taxonomy":"chapter-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapter-type?post=340"},{"taxonomy":"contributor","embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/contributor?post=340"},{"taxonomy":"license","embeddable":true,"href":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-json\/wp\/v2\/license?post=340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}