{"id":180,"date":"2020-02-18T14:18:53","date_gmt":"2020-02-18T13:18:53","guid":{"rendered":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/?post_type=chapter&#038;p=180"},"modified":"2024-08-22T18:16:55","modified_gmt":"2024-08-22T16:16:55","slug":"lerntheoretische-modelle","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/chapter\/lerntheoretische-modelle\/","title":{"raw":"Lerntheoretische Erkl\u00e4rungen abweichenden Verhaltens","rendered":"Lerntheoretische Erkl\u00e4rungen abweichenden Verhaltens"},"content":{"raw":"Innerhalb der lerntheoretischen Modelle gibt es verschiedene Konzepte zur Erkl\u00e4rung abweichenden Verhaltens. Verhalten kann z. B. durch <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">klassische <\/span>oder durch<span class=\"ilc_text_inline_Emph\"> operante Konditionierung<\/span> erworben werden. Zur Einf\u00fchrung folgen zwei Beispiele zur Erkl\u00e4rung der beiden M\u00f6glichkeiten; eine ausf\u00fchrliche Darstellung der beiden Begriffe folgt im Kapitel <a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/chapter\/klassische-lerntheorien\/\" rel=\"noopener noreferrer\">Klassische Lerntheorien<\/a>. Comer (2008) schreibt:\r\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\r\n<div class=\"textbox__content\">Gest\u00f6rtes Verhalten kann durch <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>klassische Konditionierung<\/i><\/span> erworben werden. Stellen wir uns einen kleinen Jungen vor, den der grosse deutsche Sch\u00e4ferhund des Nachbarn wiederholt erschreckt hat. Immer wenn das Kind am Vorgarten des Nachbarn vorbeil\u00e4uft, bellt der Hund laut, der nur mit einem Seil an der Veranda festgebunden ist, und st\u00fcrzt auf das Kind zu. So \u00fcberrascht es die Eltern nicht, dass ihr Sohn Angst vor Hunden entwickelt. Eine andere starke Angst ihres Sohnes jedoch ist ihnen ein R\u00e4tsel: Angst vor Sand. Sie k\u00f6nnen nicht verstehen, warum er weint, wenn sie ihn an den Strand mitnehmen, warum er sich weigert, auch nur einen Schritt von der Decke herunter zu tun, und vor Angst schreit, wenn Sand auch nur seine Haut ber\u00fchrt.<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">Woher kommt diese Angst vor Sand? Die Antwort liegt im Prinzip der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>klassischen Konditionierung<\/i><\/span>. Es stellt sich heraus, dass im Vorgarten des Nachbarn eine grosse Sandkiste steht, damit der f\u00fcrchterliche Hund darin spielen kann. Jedesmal, wenn der Hund bellt und auf den Jungen zust\u00fcrzt, ist auch die Sandkiste da. Nach mehrfachen derartigen Assoziationen f\u00fcrchtet das Kind schliesslich Sand genauso sehr wie den Hund. Durch diesen einfachen <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Konditionierungsprozess<\/i> <\/span>entwickelt das Kind eine Furchtreaktion, die sein ganzes Leben lang bestehen bleiben kann. Das Kind kann Sand vielleicht so erfolgreich vermeiden, dass es nie lernt, wie harmlos er ist (Comer, 2008).<\/div>\r\n<\/div>\r\nEine andere m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung abweichenden Verhaltens beruht auf dem Konzept der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>operanten Konditionierung<\/i><\/span>, auch hier die Erkl\u00e4rung von Comer (2008):\r\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\r\n<div class=\"textbox__content\">Beim <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>operanten Konditionieren<\/i><\/span> lernen Menschen und Tiere bestimmte Verhaltensweisen, weil sie von ihrer Umwelt daf\u00fcr Verst\u00e4rkung erhalten. Die Behavioristen glauben, dass viele menschliche Verhaltensweisen durch operante Konditionierung erworben werden. Kinder lernen Manieren durch Lob, Aufmerksamkeit und Belohnungen f\u00fcr erw\u00fcnschtes sowie Tadel f\u00fcr unerw\u00fcnschtes Verhalten. Erwachsene arbeiten, weil sie daf\u00fcr bezahlt werden und ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn sie es nicht tun.<\/div>\r\n<div class=\"textbox__content\">Auch behaupten die Lerntheoretiker, dass viele gest\u00f6rte Verhaltensweisen sich infolge von Verst\u00e4rkung entwickeln. Manche Menschen etwa lernen, Alkohol und Drogen zu missbrauchen, weil dieses Verhalten ihnen anfangs Gef\u00fchle wie Ruhe, Trost oder Lust gebracht hat. Andere zeigen vielleicht bizarres, psychotisches Verhalten, weil sie die Aufmerksamkeit geniessen, die sie dadurch erhalten. Wenn, wie in einer Reihe von Studien nachgewiesen, das Klinikpersonal die bizarren \u00c4usserungen und andere ungew\u00f6hnliche Verhaltensweisen schizophrener Patienten konsequent ignoriert und angemessenes Verhalten mit Vorrechten, Geld oder Aufmerksamkeit belohnt, zeigen viele Patienten bald deutliche Anzeichen von Besserung (Comer, 2008).<\/div>\r\n<\/div>\r\n<h4 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Modernes St\u00f6rungsverst\u00e4ndnis: Inzidenzformel<\/h4>\r\nEin <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">moderneres <i>St\u00f6rungsverst\u00e4ndnis<\/i><\/span> macht eine <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Vielzahl von Faktore<\/i>n<\/span> f\u00fcr die Entstehung und Aufrechterhaltung abweichenden Verhaltens und Erlebens verantwortlich, wie dies in der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Inzidenzformel nach Becker<\/i> <\/span>(1997) zum Ausdruck kommt:\r\n\r\n[caption id=\"attachment_582\" align=\"aligncenter\" width=\"600\"]<a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-30.png\"><img class=\"wp-image-582 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-30.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"326\" \/><\/a> (c) Referat Prof. Dr. Guy Bodenmann, Fortbildungstage HfH, Jan. 2014[\/caption]\r\n<h3><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Erl\u00e4uterung und Erkl\u00e4rung der Formel<\/span>:<\/h3>\r\n\u00dcber dem Bruchstrich haben wir die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>individuellen personbezogenen Voraussetzungen<\/i><\/span> (Vulnerabilit\u00e4t), die sich mit dem Faktor <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>(externe) Stressoren<\/i><\/span> multiplizieren. Das heisst gem\u00e4ss mathematischer Logik: wenn einer dieser beiden Faktoren Null ist, ist der ganze Z\u00e4hler Null, somit die Inzidenz Null.\r\n\r\nJe gr\u00f6sser der Wert im Nenner, ausgedr\u00fcckt durch die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Summe der internen und externen Ressourcen<\/i><\/span>, desto geringer ist die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Inzidenz<\/i> <\/span>(Auftretenswahrscheinlichkeit) einer psychischen St\u00f6rung bei vorhandener Vulnerabilit\u00e4t und Stressoren. D.h. Selbstwert, soziale Kompetenzen und soziale Unterst\u00fctzung verm\u00f6gen bis zu einem gewissen Grad Vulnerabilit\u00e4t und externe Stressoren zu kompensieren.\r\n\r\nIm folgenden Videoausschnitt demonstriert Prof. Dr. Guy Bodenmann die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Inzidenzformel<\/i> <\/span>(Video aufgenommen an den Fortbildungstagen HfH im Januar 2014).\r\n<figure class=\"wp-block-video\"><video src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/16a_BodenmannInzidenzf.mp4\" controls=\"controls\" width=\"1000\" height=\"150\"><track src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/16a_BodenmannInzidenzf.vtt\" srclang=\"de\" label=\"Deutsch\" kind=\"subtitles\" \/><\/video><\/figure>","rendered":"<p>Innerhalb der lerntheoretischen Modelle gibt es verschiedene Konzepte zur Erkl\u00e4rung abweichenden Verhaltens. Verhalten kann z. 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Nach mehrfachen derartigen Assoziationen f\u00fcrchtet das Kind schliesslich Sand genauso sehr wie den Hund. Durch diesen einfachen <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Konditionierungsprozess<\/i> <\/span>entwickelt das Kind eine Furchtreaktion, die sein ganzes Leben lang bestehen bleiben kann. Das Kind kann Sand vielleicht so erfolgreich vermeiden, dass es nie lernt, wie harmlos er ist (Comer, 2008).<\/div>\n<\/div>\n<p>Eine andere m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung abweichenden Verhaltens beruht auf dem Konzept der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>operanten Konditionierung<\/i><\/span>, auch hier die Erkl\u00e4rung von Comer (2008):<\/p>\n<div class=\"textbox textbox--exercises\">\n<div class=\"textbox__content\">Beim <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>operanten Konditionieren<\/i><\/span> lernen Menschen und Tiere bestimmte Verhaltensweisen, weil sie von ihrer Umwelt daf\u00fcr Verst\u00e4rkung erhalten. Die Behavioristen glauben, dass viele menschliche Verhaltensweisen durch operante Konditionierung erworben werden. Kinder lernen Manieren durch Lob, Aufmerksamkeit und Belohnungen f\u00fcr erw\u00fcnschtes sowie Tadel f\u00fcr unerw\u00fcnschtes Verhalten. Erwachsene arbeiten, weil sie daf\u00fcr bezahlt werden und ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn sie es nicht tun.<\/div>\n<div class=\"textbox__content\">Auch behaupten die Lerntheoretiker, dass viele gest\u00f6rte Verhaltensweisen sich infolge von Verst\u00e4rkung entwickeln. Manche Menschen etwa lernen, Alkohol und Drogen zu missbrauchen, weil dieses Verhalten ihnen anfangs Gef\u00fchle wie Ruhe, Trost oder Lust gebracht hat. Andere zeigen vielleicht bizarres, psychotisches Verhalten, weil sie die Aufmerksamkeit geniessen, die sie dadurch erhalten. Wenn, wie in einer Reihe von Studien nachgewiesen, das Klinikpersonal die bizarren \u00c4usserungen und andere ungew\u00f6hnliche Verhaltensweisen schizophrener Patienten konsequent ignoriert und angemessenes Verhalten mit Vorrechten, Geld oder Aufmerksamkeit belohnt, zeigen viele Patienten bald deutliche Anzeichen von Besserung (Comer, 2008).<\/div>\n<\/div>\n<h4 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Modernes St\u00f6rungsverst\u00e4ndnis: Inzidenzformel<\/h4>\n<p>Ein <span class=\"ilc_text_inline_Emph\">moderneres <i>St\u00f6rungsverst\u00e4ndnis<\/i><\/span> macht eine <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Vielzahl von Faktore<\/i>n<\/span> f\u00fcr die Entstehung und Aufrechterhaltung abweichenden Verhaltens und Erlebens verantwortlich, wie dies in der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Inzidenzformel nach Becker<\/i> <\/span>(1997) zum Ausdruck kommt:<\/p>\n<figure id=\"attachment_582\" aria-describedby=\"caption-attachment-582\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-30.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-582 size-full\" src=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-30.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-30.png 600w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-30-300x163.png 300w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-30-65x35.png 65w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-30-225x122.png 225w, https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/02\/image-30-350x190.png 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-582\" class=\"wp-caption-text\">(c) Referat Prof. Dr. Guy Bodenmann, Fortbildungstage HfH, Jan. 2014<\/figcaption><\/figure>\n<h3><span class=\"ilc_text_inline_Strong\">Erl\u00e4uterung und Erkl\u00e4rung der Formel<\/span>:<\/h3>\n<p>\u00dcber dem Bruchstrich haben wir die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>individuellen personbezogenen Voraussetzungen<\/i><\/span> (Vulnerabilit\u00e4t), die sich mit dem Faktor <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>(externe) Stressoren<\/i><\/span> multiplizieren. Das heisst gem\u00e4ss mathematischer Logik: wenn einer dieser beiden Faktoren Null ist, ist der ganze Z\u00e4hler Null, somit die Inzidenz Null.<\/p>\n<p>Je gr\u00f6sser der Wert im Nenner, ausgedr\u00fcckt durch die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Summe der internen und externen Ressourcen<\/i><\/span>, desto geringer ist die <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Inzidenz<\/i> <\/span>(Auftretenswahrscheinlichkeit) einer psychischen St\u00f6rung bei vorhandener Vulnerabilit\u00e4t und Stressoren. D.h. 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