{"id":158,"date":"2020-02-18T14:06:49","date_gmt":"2020-02-18T13:06:49","guid":{"rendered":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/?post_type=chapter&#038;p=158"},"modified":"2024-06-17T21:44:33","modified_gmt":"2024-06-17T19:44:33","slug":"weitere-psychodynamische-ansaetze","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/verhalten\/chapter\/weitere-psychodynamische-ansaetze\/","title":{"raw":"Weitere psychodynamische Ans\u00e4tze","rendered":"Weitere psychodynamische Ans\u00e4tze"},"content":{"raw":"Gewisse <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Psychotherapieverfahren<\/i> <\/span>werden als <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>psychodynamisch<\/i> <\/span>bezeichnet, n\u00e4mlich solche Verfahren, die sich von der Psychoanalyse in engerem Sinn abgrenzen, aber dennoch dem psychodynamischen Modell verpflichtet sind.\r\n<div class=\"textbox\">Als <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>psychodynamische Psychotherapie<\/i> <\/span>werden Verfahren bezeichnet, die den unbewusst ablaufenden Prozessen eine wichtige Bedeutung f\u00fcr das menschliche Erleben und Verhalten sowie f\u00fcr die Entstehung und Chronifizierung bestimmter seelischer Erkrankungen beimessen.<\/div>\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Viele Theorien in der Tradition von Freud nahmen umfangreiche \u00c4nderungen an der psychoanalytischen Sicht der Pers\u00f6nlichkeit vor. Im Allgemeinen f\u00fchrten die Theoretiker in der Tradition von Freud folgende Ver\u00e4nderungen ein (Zimbardo &amp; Gerrig, 2008):<\/p>\r\n\r\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Sie legen gr\u00f6sseren Wert auf die Ich-Funktionen, einschlie\u00dflich der Abwehrmechanismen des Ich, der Entwicklung des Selbst, der bewussten Denkprozesse und der Selbststeuerung.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Sie sind der Ansicht, dass die sozialen Variablen (Kultur, Familie und Peers) eine wichtige Rolle bei der Formung der Pers\u00f6nlichkeit spielen.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Sie legen weniger Wert auf die Bedeutung sexueller Triebe oder libidin\u00f6ser Energie.<\/li>\r\n \t<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Sie haben die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung \u00fcber die Kindheit hinaus auf die gesamte Lebensspanne ausgeweitet.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Beurteilung und Kritik psychodynamischer Modelle<\/h2>\r\nComer (2008) f\u00fchrt folgende Kritikpunkte gegen\u00fcber den psychodynamischen Modellen ins Feld:\r\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Freud und seine zahlreichen Nachfolger beeinflussten das Verst\u00e4ndnis und die Therapie psychischer St\u00f6rungen tiefgreifend. Ihre Theorien \u00fcber Pers\u00f6nlichkeit und psychische St\u00f6rungen beanspruchen einen weiten Geltungsbereich. Vor allem aufgrund ihrer Pionierarbeiten sucht heute ein breites Spektrum von Theoretikern ausserhalb der Grenzen biologischer Prozesse nach Antworten und Erkl\u00e4rungen. Sie st\u00fctzen sich auf weniger greifbare Begriffe, zum Beispiel <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>untergr\u00fcndige Konflikte, gelernte Gewohnheiten, kognitive Prozesse, menschliche Werte<\/i><\/span>. Zudem haben die von Freud und seinen Anh\u00e4ngern entwickelten psychotherapeutischen Techniken bewiesen, wie wirksam eine psychologische Behandlung sein kann, und zur Entwicklung zahlreicher weiterer derartiger Methoden gef\u00fchrt (Comer, 2008).Die psychodynamisch orientierten Theoretiker haben darauf hingewiesen, dass gest\u00f6rtes Erleben und Verhalten in denselben Vorg\u00e4ngen wurzeln kann wie normales. Psychische Konflikte beispielsweise sind eine universelle Erfahrung; sie f\u00fchren, psychodynamisch betrachtet, nur dann zu St\u00f6rungen, wenn der Konflikt \u00fcberm\u00e4chtig wird. Diese Auffassung spricht f\u00fcr eine humane und respektvolle Einstellung gegen\u00fcber Menschen, die als psychisch gest\u00f6rt gelten.Andererseits weist das psychodynamische Modell <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>L\u00fccken und Begrenzungen<\/i><\/span> auf. Begriffe sind schwierig zu definieren und empirisch zu \u00fcberpr\u00fcfen. Da Prozesse wie Es-Triebe, Abwehrmechanismen und Fixierung abstrakt sind und auf unbewusster Ebene wirken, ist es oft schwer festzustellen, ob sie tats\u00e4chlich stattfinden. Psychodynamische Erkl\u00e4rungen sind deshalb oft nicht wissenschaftlich gepr\u00fcft, und psychodynamisch orientierte Theoretiker arbeiten mit Einzelfallstudien, um ihre Theorien zu st\u00fctzen. Fallstudien liefern keine zwingenden Beweise f\u00fcr theoretische Erkl\u00e4rungen.Unter anderem aufgrund dieser Schwierigkeiten sind in den letzten Jahrzehnten behavioristische, kognitive und humanistisch-existenzielle Modelle enstanden. Diese neueren Erkl\u00e4rungen und Therapieformen unterscheiden sich oft deutlich vom psychodynamischen Ansatz, doch sie wurzeln alle in irgendeiner Weise in diesem. Da viele der Begr\u00fcnderInnen dieser Modelle in der psychodynamischen Tradition ausgebildet waren, behielten die neuen Modelle oft bestimmte Begriffe aus dem psychodynamischen Repertoire bei. Ausserdem ist der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>psychodynamische Ansatz im klinischen Bereich<\/i><\/span> heute immer noch einer der am breitesten angewandten, auch wenn die alternativen psychologischen Modelle betr\u00e4chtlich an Boden gewonnen haben (Comer, 2008).<\/p>\r\n\r\n<h3 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Weiterf\u00fchrende Literatur<\/h3>\r\nAusf\u00fchrlicher Artikel zur Psychodynamik im <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe: <\/i><\/span>Mertens, W. (Hrsg.). (2014). <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe<\/i><\/span> (4., \u00fcberarb. und erweiterte Auflage). Stuttgart: Kohlhammer.","rendered":"<p>Gewisse <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Psychotherapieverfahren<\/i> <\/span>werden als <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>psychodynamisch<\/i> <\/span>bezeichnet, n\u00e4mlich solche Verfahren, die sich von der Psychoanalyse in engerem Sinn abgrenzen, aber dennoch dem psychodynamischen Modell verpflichtet sind.<\/p>\n<div class=\"textbox\">Als <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>psychodynamische Psychotherapie<\/i> <\/span>werden Verfahren bezeichnet, die den unbewusst ablaufenden Prozessen eine wichtige Bedeutung f\u00fcr das menschliche Erleben und Verhalten sowie f\u00fcr die Entstehung und Chronifizierung bestimmter seelischer Erkrankungen beimessen.<\/div>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Viele Theorien in der Tradition von Freud nahmen umfangreiche \u00c4nderungen an der psychoanalytischen Sicht der Pers\u00f6nlichkeit vor. Im Allgemeinen f\u00fchrten die Theoretiker in der Tradition von Freud folgende Ver\u00e4nderungen ein (Zimbardo &amp; Gerrig, 2008):<\/p>\n<ul class=\"ilc_list_u_BulletedList\">\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Sie legen gr\u00f6sseren Wert auf die Ich-Funktionen, einschlie\u00dflich der Abwehrmechanismen des Ich, der Entwicklung des Selbst, der bewussten Denkprozesse und der Selbststeuerung.<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Sie sind der Ansicht, dass die sozialen Variablen (Kultur, Familie und Peers) eine wichtige Rolle bei der Formung der Pers\u00f6nlichkeit spielen.<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Sie legen weniger Wert auf die Bedeutung sexueller Triebe oder libidin\u00f6ser Energie.<\/li>\n<li class=\"ilc_list_item_StandardListItem\">Sie haben die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung \u00fcber die Kindheit hinaus auf die gesamte Lebensspanne ausgeweitet.<\/li>\n<\/ul>\n<h2 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Beurteilung und Kritik psychodynamischer Modelle<\/h2>\n<p>Comer (2008) f\u00fchrt folgende Kritikpunkte gegen\u00fcber den psychodynamischen Modellen ins Feld:<\/p>\n<p class=\"ilc_Paragraph ilc_text_block_Standard\">Freud und seine zahlreichen Nachfolger beeinflussten das Verst\u00e4ndnis und die Therapie psychischer St\u00f6rungen tiefgreifend. Ihre Theorien \u00fcber Pers\u00f6nlichkeit und psychische St\u00f6rungen beanspruchen einen weiten Geltungsbereich. Vor allem aufgrund ihrer Pionierarbeiten sucht heute ein breites Spektrum von Theoretikern ausserhalb der Grenzen biologischer Prozesse nach Antworten und Erkl\u00e4rungen. Sie st\u00fctzen sich auf weniger greifbare Begriffe, zum Beispiel <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>untergr\u00fcndige Konflikte, gelernte Gewohnheiten, kognitive Prozesse, menschliche Werte<\/i><\/span>. Zudem haben die von Freud und seinen Anh\u00e4ngern entwickelten psychotherapeutischen Techniken bewiesen, wie wirksam eine psychologische Behandlung sein kann, und zur Entwicklung zahlreicher weiterer derartiger Methoden gef\u00fchrt (Comer, 2008).Die psychodynamisch orientierten Theoretiker haben darauf hingewiesen, dass gest\u00f6rtes Erleben und Verhalten in denselben Vorg\u00e4ngen wurzeln kann wie normales. Psychische Konflikte beispielsweise sind eine universelle Erfahrung; sie f\u00fchren, psychodynamisch betrachtet, nur dann zu St\u00f6rungen, wenn der Konflikt \u00fcberm\u00e4chtig wird. Diese Auffassung spricht f\u00fcr eine humane und respektvolle Einstellung gegen\u00fcber Menschen, die als psychisch gest\u00f6rt gelten.Andererseits weist das psychodynamische Modell <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>L\u00fccken und Begrenzungen<\/i><\/span> auf. Begriffe sind schwierig zu definieren und empirisch zu \u00fcberpr\u00fcfen. Da Prozesse wie Es-Triebe, Abwehrmechanismen und Fixierung abstrakt sind und auf unbewusster Ebene wirken, ist es oft schwer festzustellen, ob sie tats\u00e4chlich stattfinden. Psychodynamische Erkl\u00e4rungen sind deshalb oft nicht wissenschaftlich gepr\u00fcft, und psychodynamisch orientierte Theoretiker arbeiten mit Einzelfallstudien, um ihre Theorien zu st\u00fctzen. Fallstudien liefern keine zwingenden Beweise f\u00fcr theoretische Erkl\u00e4rungen.Unter anderem aufgrund dieser Schwierigkeiten sind in den letzten Jahrzehnten behavioristische, kognitive und humanistisch-existenzielle Modelle enstanden. Diese neueren Erkl\u00e4rungen und Therapieformen unterscheiden sich oft deutlich vom psychodynamischen Ansatz, doch sie wurzeln alle in irgendeiner Weise in diesem. Da viele der Begr\u00fcnderInnen dieser Modelle in der psychodynamischen Tradition ausgebildet waren, behielten die neuen Modelle oft bestimmte Begriffe aus dem psychodynamischen Repertoire bei. Ausserdem ist der <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>psychodynamische Ansatz im klinischen Bereich<\/i><\/span> heute immer noch einer der am breitesten angewandten, auch wenn die alternativen psychologischen Modelle betr\u00e4chtlich an Boden gewonnen haben (Comer, 2008).<\/p>\n<h3 class=\"ilc_page_title_PageTitle\">Weiterf\u00fchrende Literatur<\/h3>\n<p>Ausf\u00fchrlicher Artikel zur Psychodynamik im <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe: <\/i><\/span>Mertens, W. (Hrsg.). (2014). <span class=\"ilc_text_inline_Emph\"><i>Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe<\/i><\/span> (4., \u00fcberarb. und erweiterte Auflage). Stuttgart: Kohlhammer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewisse Psychotherapieverfahren werden als psychodynamisch bezeichnet, n\u00e4mlich solche Verfahren, die sich von der Psychoanalyse in engerem Sinn abgrenzen, aber dennoch dem psychodynamischen Modell verpflichtet sind. 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