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3 Motorik

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Auszug Sarimski, K., Lang, M. (2020). Frühförderung blinder Kinder. Grundlagen für die Arbeit mit blinden Kindern und ihren Familien. Edition Bentheim. Würzburg.

Fehlendes Sehvermögen hat im frühen Kindesalter direkte Auswirkungen auf das Entwicklungstempo der motorischen Fähigkeiten, die Reihenfolge, in der die einzelnen Meilensteine der Entwicklung bewältigt werden, und die Qualität der motorischen Abläufe.

Der Entwicklungsverlauf von Kindern, die sehbehindert oder blind sind, wurde in drei Langzeitstudien untersucht, an denen sich die Einschätzungen der individuellen Entwicklung eines blinden Kindes orientieren können.

  1. Im Projekt PRISM (Ferrell, 1998) nahmen an einer solchen Studie 202 Familien teil, deren Kinder im Alter bis zu fünf Jahren in sieben Förderzentren für Kinder mit Sehbehinderung oder Blindheit betreut wurden. Die Entwicklungsuntersuchungen erfolgten mit standardisierten Entwicklungstests (Battelle Developmental Inventory, BDI) und Elternfragebögen (Vineland Adaptive Behavior Scales, VABS). Das mittlere Alter der Kinder zu Beginn des Untersuchungszeitraums war 8.7 Monate; der Entwicklungsverlauf wurde unterschiedlich lang (im Durchschnitt über einen Zeitraum von 19 Monaten) dokumentiert.
  2. Hatton et al. (1997) berichteten über die Untersuchung von 186 blinden und sehbehinderten Kindern im Alter von 12-73 Monaten, die in Abständen von 4-6 Monaten mehrfach mit einem Entwicklungstest (BDI) untersucht wurden. 27 Kinder waren blind oder verfügten höchstens über Lichtscheinwahrnehmung und zeigten keine zusätzlichen Behinderungen.
  3. Brambring (2005) analysierte die Daten von zehn blinden Kindern, bei denen keine zusätzliche Behinderung vorlag, aus der „Bielefelder Längsschnittstudie zur Frühförderung und Unterstützung von Familien mit blind geborenen Kindern“.

Diese Entwicklungsstudien kommen einhellig zu dem Ergebnis, dass die Entwicklung motorischer Fähigkeiten bei blinden Kindern deutlich langsamer verläuft als bei sehenden Kindern.

In den Entwicklungsstudien von Hatton et al. (1997) und Brambring (2005) verfügten die blinden Kinder im Alter von 30 Monaten durchschnittlich über die (grob-) motorischen Fähigkeiten, die sehende Kinder bereits mit 11-15 Monaten erreicht hatten. Die nachfolgende Abbildung zeigt exemplarisch den durchschnittlichen Zeitpunkt des Erwerbs einzelner motorischer Fähigkeiten am Beispiel der Daten, die Brambring (2006) zur motorischen Entwicklung vorlegte.

Balkendiagramm
Durchschnittlicher Zeitpunkt des Erwerbs von motorischen Fähigkeiten durch sehende und blinde Kinder

Der Zeitpunkt des Erwerbs motorischer Kompetenzen variiert allerdings in Abhängigkeit von der Art der Fähigkeit, um die es jeweils geht. So zeigten sich in vier von 29 Fertigkeiten, über die Brambring (2006) berichtete, nur geringe Unterschiede gegenüber sehenden Kindern. Dazu gehörte z.B. die Fähigkeit, auf ein Sofa zu klettern oder einen Stuhl im Raum umher zu schieben. Die deutlichsten …“ Abweichungen bestanden dagegen bei Fertigkeiten, die einen flexiblen Wechsel von Körperpositionen im Raum erfordern, z.B. auf einem Bein stehen, freies Laufen, gegen einen Ball treten oder ihn fangen, von einer Fläche herunter oder Treppen hinauf steigen. Darüber hinaus belegten die Daten aber auch eine beträchtliche interindividuelle Variabilität der Erwerbszeitpunkte.

Gründe für Verzögerungen in der motorischen Entwicklung
  • Viele blinde Kinder haben einen schwächeren Muskeltonus.

  • Es fehlt ihnen der visuelle Anreiz, um sich fortzubewegen und Bewegungsmuster zu erproben.

  • Sie erwerben später eine Vorstellung von der Objektpermanenz, d.h. fühlen sich erst später motiviert, Objekte zu erreichen, die außerhalb ihrer Reichweite geraten sind. 

  • Sie sind zurückhaltend in ihrer Fortbewegung, um sich vor möglichen Gefahren zu schützen.

  • Es fehlt ihnen die Möglichkeit, ihre Bewegungen visuell zu kontrollieren und an Hindernisse anzupassen sowie andere bei ihren Bewegungsabläufen zu beobachten, was besonders bei komplexen Bewegungsmustern von Bedeutung ist.

Bei vielen blinden Kindern ist der Muskeltonus reduziert, ohne dass eine Cerebralparese oder eine andere neurologische Entwicklungsstörung vorliegt. Das erschwert die Haltungskontrolle, die Aufrichtung und die Qualität der Bewegungsabfolge. Vermutlich ist der reduzierte Muskeltonus darauf zurückzuführen, dass für die physiologische Entwicklung der Muskelspannung vestibuläre und propriozeptive Rückmeldungen notwendig sind, die bei einem blinden Kind in geringerem Maße erfolgen, weil es zunächst weniger Anreize zur Aufrichtung aus der Bauchlage sowie zum Erproben von Bewegungsmustern hat.

Es sollte deshalb früh die Bauchlage tolerieren lernen, mit Spielsachen angeregt werden, in dieser Lage den Kopf zu heben und sich abzustützen, und mit sanfter Unterstützung der Eltern unterschiedliche Bewegungserfahrungen machen.

Wichtig ist, dass die spontanen Ansätze des Kindes immer mit taktilem und akustischem Feedback bestärkt werden.

Kind mit Sehbehinderung liegt auf dem Rücken unter einem Mobile für Kinder
[Bildquelle: © Frühförderung Zollikhofen]

So können z.B. kleine Armbänder mit Glöckchen am Handgelenk befestigt werden, damit das Kind erlebt, dass es durch seine eigenen aktiven Bewegungen immer wieder neue Geräusche auslösen kann. Motorische Aktivitäten und Explorationshandlungen können zudem mittels Angeboten an Spieltrapezen oder im „Little Room“ (Nielsen, 1991) ausgelöst werden.

Foto Litllte Room
[Bildquelle: © hoptoys.fr]

Hierbei berührt das Kind bei Eigenbewegungen herunterhängende Objekte, die wiederum Geräusche oder Berührungsreize verursachen. Auch die Kommentare der Eltern können es anspornen, verschiedene Bewegungen mit den Armen und Beinen auszuprobieren. Viele ritualisierte Spiele, die Eltern intuitiv mit Babys initiieren, enthalten weitere Anregungen für unterschiedliche Bewegungserfahrungen (z.B. „Hoppe-hoppe- Reiter). 

Wenn es die Entwicklungsstufe erreicht hat, in der sich Kinder auf Händen und Füßen abstützen, gewöhnt sich ein blindes Kind oft an, hin- und her zu schaukeln, statt auszuprobieren, wie es vorwärts krabbeln könnte. Dieses Bewegungsmuster ist ihm angenehm und es fehlt der visuelle Anreiz, sich fortzubewegen. Einige Kinder beginnen deshalb auch erst zu krabbeln, wenn sie bereits zu laufen gelernt haben, oder lassen die Krabbelphase ganz aus.

Ein reduzierter Muskeltonus beeinflusst auch die Qualität der Haltungskontrolle. Blinde Kleinkinder neigen zunächst z.B. dazu, sich in einer sitzenden Position mit beiden Händen auf den Boden abzustützen, die Beine breit zu spreizen oder den Oberkörper und damit den Schwerpunkt nach vorn zu verlagern, um die Sitzposition zu stabilisieren. Diese Haltungsmuster hindern sie jedoch daran, ihre Umwelt in sitzender Position frei zu erkunden. Bei blinden Kindern, bei denen keine zusätzliche Behinderung vorliegt, verschwindet diese Unsicherheit jedoch im zweiten Lebensjahr.

Kinder mit unbeeinträchtigtem Sehvermögen entwickeln schon früh Abstützreaktionen, wenn sie das Gleichgewicht verlieren. Sie stützen sich z.B. auf die Hände ab, wenn sie zu fallen drohen. Diese Schutzmechanismen müssen mit blinden Kindern gezielt eingeübt werden. Auch im weiteren Verlauf brauchen sie vielfältige Anregungen, um Positionswechsel und Gleichgewicht zu fördern.

Ebenso wichtig ist die Entwicklung eines Bewusstseins für den eigenen Körper und seiner Position im Raum. Eine Möglichkeit, die Wahrnehmung der einzelnen Körperteile zu fördern, bietet sich bereits im Säuglingsalter durch eine Babymassage. Im weiteren Verlauf gilt es, möglichst viele Gelegenheiten zu nutzen (z.B. bei der Körperpflege und beim Umziehen), um das Kind mit den Bezeichnungen für die Körperteile und Begriffe für die Orientierung im Raum (z.B. rechts/links, oben/unten, vor/hinter) vertraut zu machen. 

Zusammenfassung

Vertiefende Studien zur motorischen Entwicklung

  • Bouchard, D., & Tétreault, S. (2000). The Motor Development of Sighted Children and Children with Moderate Low Vision Aged 8–13. Journal of Visual Impairment & Blindness, 94(9), 564–573. https://doi.org/10.1177/0145482X0009400903
  • Brambring, M. (2006). Divergent Development of Gross Motor Skills in Children who are Blind or Sighted. Journal of Visual Impairment & Blindness, 100(10), 620–634. (Link)
  • Brambring, M. (2007). Divergent Development of Manual Skills in Children who are Blind or Sighted. Journal of Visual Impairment & Blindness, 101(4), 212–225. (Link)
  • Hatton, D. D., Bailey, D. B., Burchinaland, M. R. & Ferrell, K. A. (1997). Developmental Growth Curves of Preschool Children with Vision Impairments. Child development, 68(5), 788–806. (Link)
  • Reimer, A. M., Cox, R. F. A., Boonstra, F. N., & Nijhuis-van der Sanden, Maria W. G. (2015). Measurement of Fine-Motor Skills in Young Children with Visual Impairment. Journal of Developmental and Physical Disabilities, 27(5), 569–590. https://doi.org/10.1007/s10882-015-9433-5

 

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Entwicklungspsychologische Grundlagen bei Blindheit und Sehbeeinträchtigung Copyright © 2021 Fabian Winter. Alle Rechte vorbehalten.

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