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2 Entwicklung des Sehens im Kindesalter

Lesezeit: 7 min

In Anlehnung an: Nedwed, B. (2008). Kinder mit Sehschädigungen. Ein Ratgeber für Eltern und pädagogische Berufe. Idstein: Schulz-Kirchner Verlag (8-20).

Die Entwicklung des Sehsystems ist zu einem großen Teil von der Umwelt abhängig, in die ein Kind hineingeboren wird. Frühe visuelle Erfahrungen durch eine optisch ausreichend differenzierte Umgebung sind deshalb eine absolut notwendige Grundvoraussetzung für eine regelrechte „Sehentwicklung“. Für normalsichtige Kinder stellt ihre natürliche Umgebung solche visuellen Anregungen hinreichend zur Verfügung.

Die „normale“ Entwicklung des Sehens

Erst seit der Entwicklung der Methode des „preferential looking“ im Jahre 1974 ist es überhaupt möglich, präzisere Aussagen über das Sehen bei Säuglingen zu machen. Die Preferential-Looking-Technik nutzt die Tatsache, dass ein Baby, wenn man ihm jeweils einen gemusterten und einen ungemusterten Reiz gleicher mittlerer Leuchtdichte anbietet, den gemusterten Reiz bevorzugt. Dabei ist die Erforschung der Entwicklung der visuellen Funktionen jedoch sehr vielschichtig.

Das führt u.a. dazu, dass die Angaben über die vermutete Sehschärfe insbesondere in den ersten 4 Jahren z.T. erheblich voneinander abweichen. Einig sind sich die Forschende jedoch darüber, dass sich das Sehvermögen gerade im ersten Lebensjahr rasant entwickelt.

In den ersten Monaten und Jahren wächst das Auge zur richtigen Form und Größe heran. Seinen größten Wachstumsschub hat es in den ersten zwölf Monaten. In dieser Zeit nimmt die Länge des Auges von 17 auf etwa 23 Millimeter zu. Deshalb sind die meisten Kleinkinder wegen der Kürze ihrer Augen eigentlich nicht normal-, sondern eher weitsichtig. Häufig besteht auch zunächst eine Hornhautverkrümmung. In der Regel normalisieren sich beide Werte aber weitgehend in den ersten Lebensjahren.

Preferential Looking Technik: Bei dieser Methode werden dem Kind zwei Stimuli angeboten, wovon ein Reiz das Interesse wecken soll, z.B. Linien oder Gesichter. Durch das Beobachten der Blickrichtung und der Fixationszeit kann auf das Sehvermögen geschlossen werden.

 

Neugeborene

Neugeborene sehen noch extrem schlecht und nehmen nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Umgebung wahr. Am besten sehen sie Dinge in 20 bis 30 cm Entfernung, etwa das Gesicht der Mutter beim Stillen. Sie zeigen eine deutlich erhöhte Aufmerksamkeit für Gesichter und gesichterähnliche Formen und hohe Kontraste (schwarz-weiß). Auch größere Formen, horizontale Linien und bewegte Angebote werden eindeutig bevorzugt. Einige Tage nach der Geburt können bereits unkoordinierte Blicksprünge beobachtet werden. Farbreize können noch nicht verarbeitet werden. In einem begrenzten Radius können Suchbewegungen der Augen beobachtet werden. Die Sehschärfe liegt etwa im Bereich von 0.05-0.1.

Das Kind zeigt Interesse an Gesichtern.

1. Monat

Die visuelle Aufmerksamkeit und die Sehschärfe nehmen zu. Das Baby schaut zu Lichtquellen und dreht dabei Augen und Kopf gemeinsam. Dazu können langsame, horizontale, ruckartige Folgebewegungen beobachtet werden. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass bereits jetzt Rot von Grün unterschieden werden kann, wenn die Farbreize groß genug sind. Die Augen des Säuglings stehen nicht immer parallel sondern es kann durchaus auch Phasen geben, in denen sie schielen.

2. Monat

Jetzt beginnt das Baby allmählich zu fixieren. Es kann z.B. kontrastreiche grobe Muster und die Umrisse eines Gesichtes erkennen. Es nimmt Blickkontakt auf. Die sensible Phase für das Erlernen von beidäugigem Sehen (ab der 7. Woche) beginnt. Die Augen können sich nun zunehmend auf ein nahes Objekt einstellen (Konvergenz und Akkommodation). Zunehmend kann es Farben voneinander unterscheiden (Rot-Grün, Rot-Blau, Rot-Violett, Rot-Gelb, Grün-Gelb). So werden schon jetzt eindeutig farbige Stimuli bevorzugt. Anzunehmen ist jedoch, dass Farben in den ersten Lebensmonaten noch weniger intensiv erscheinen, sodass prinzipiell ein höherer Farbkontrast erforderlich ist.

3.-4. Monat

Die Kontrastempfindlichkeit verbessert sich. Das Gehirn des Kindes ist jetzt in der Lage, die zwei verschiedenen Einzelbilder, welche die Augen liefern, zu verschmelzen. Die Akkommodation (= Fähigkeit des Auges, die Brechkraft der Linse für verschiedene Entfernungen anzupassen) und die Konvergenz (= einwärts Bewegung der Augen zur Fixation von Objekten) entwickeln sich weiter: Dinge in Nähe und Ferne werden zunehmend scharf gesehen. Schnelle Richtungswechsel, also die Fixationsaufnahme (Betrachten eines Objektes) und der Wechsel von einem Objekt zum anderen (Fixationswechsel), sind bereits möglich. Die Augenfolgebewegungen werden glatter. Vertikale Folgebewegungen sind möglich. Das Baby nimmt intensiven Blickkontakt auf, interessiert sich für Lippenbewegungen, Mobiles und seine eigenen Hände. Sensorik und Motorik arbeiten jetzt immer präziser zusammen. Unter Führung der Hand entwickelt sich die Hand-Auge-Koordination, d.h. in der Hand gehaltene Gegenstände werden lange und ausgiebig betrachtet.

6. Monat

Das Gesichtsfeld ist größtenteils entwickelt. Die Sehschärfe für dieses Alter wird zwischen 0.16 und 0.3 vermutet (in Abhängigkeit der verwendeten Sehtests). Augen- und Kopfbewegungen beginnen sich voneinander abzukoppeln, die Folgebewegungen werden glatter. Das Kind fängt an, auf das, was es sieht, zu reagieren. So zeigt es eindeutige Abwehrreaktionen, wenn sich Dinge seinem Gesicht unerwartet nähern, oder beobachtet fallende und wegrollende Objekte. Die Auge-Hand-Koordination entwickelt sich weiter. Damit einher geht die weitere Entwicklung des räumlichen Sehens. Dabei bildet das dreidimensionale Sehen, das Abschätzen von Tiefen, eine wesentliche Voraussetzung für das zielgerichtete Greifen. Der Greifreflex wird abgebaut und ermöglicht das bewusste Greifen nach Gegenständen. Die Stelle des schärfsten Sehens wird führend. Mit der Verbesserung der Sehschärfe geht auch die Entwicklung des Farbensehens voran.

7.-9. Monat

Die Auge-Hand-Koordination entwickelt sich weiter. Das Kind erfasst einen Gegenstand mit dem Blick und streckt zielstrebig die Hand danach aus. Das versetzt es in die Lage, auch über seinen Greifraum hinaus eine Beziehung zu seiner Umwelt aufzunehmen. Dazu gehört auch, dass es zunehmend auf Dinge zeigt, die sich nicht mehr unmittelbar in seinem Greifraum befinden. Akkommodation und Konvergenz werden in verschiedenen Entfernungen trainiert. Das Kind ist jetzt in der Lage, bekannte und fremde Gesichter zu unterscheiden. Es kann mit Daumen und Zeigefinger (Pinzettengriff) nun auch kleinste Krümel aufpicken. Ab dem 7. Lebensmonat empfindet das Kind Doppelbilder, die aufgrund eines Schielens entstehen, bereits als störend.

 10. Monat

Das Sehvermögen nimmt weiter zu. Nun kann der Säugling Blickkontakt zu Erwachsenen auch dann noch aufnehmen und aufrechterhalten, wenn sie sich in einigen Metern Distanz zu ihm befinden. Sein Interesse an Bildern erwacht.

11.-12. Monat

In seiner vertrauten Umgebung findet sich das Kind visuell gut zurecht. Es verfügt· über eine wirkungsvolle visuelle Kommunikation (Mimik), erkennt Vertrautes auf Bildern wieder und bevorzugt bereits bestimmte Farben.

Nach dem 1. Lebensjahr entwickelt sich die Sehschärfe weniger dynamisch.

ab 2 Jahren

Ab etwa 2 Jahren kann die Sehschärfe mit einzelnen Symbolen gemessen werden. In Tests beträgt die Sehschärfe in diesem Alter  0.4 bis 0.8. Dabei ist das funktionale Sehvermögen (der Umgang des Kindes mit seinem Sehvermögen in alltäglichen Situationen unter vertrauten Bedingungen) aber weitaus besser als der gemessene Visus. Das Kind hat jetzt eine exakte Auge-Hand-Koordination und ein gutes visuelles Gedächtnis.

ab etwa 3 Jahren

In diesem Alter kann die Sehschärfe bereits mit sogenannten Reihentests (mehrere Sehzeichen in einer Reihe) gemessen werden – sie beträgt jetzt etwa zwischen 0.4 und 1.0. In diesem Alter ist die Netzhaut voll ausgereift und die Kontrastempfindlichkeit entspricht der einer erwachsenen Person. Die Kinder sind in diesem Alter bereits in der Lage visuell anspruchsvolle Aufgaben wie Puzzles zu lösen. 

zwischen 4-5 Jahren

Das Kind kann nun zwischen Figur und Grund unterscheiden. Die Auflösungssehschärfe, also die Fähigkeit, Einzelheiten getrennt voneinander zu sehen, ist jetzt so weit entwickelt, dass Lesen visuell prinzipiell möglich wäre.

zwischen 7-10 Jahren

Spätestens mit etwa sieben bis zehn Jahren ist das Sehvermögen komplett ausgebildet, obwohl das Auflösungsvermögen noch bis zum Erwachsenenalter weiter zunehmen kann. Aber erst mit acht bis neun Jahren ist das Gesichtsfeld so weit ausgebildet, dass auch Verkehrstauglichkeit besteht. Dazu sollte die Entwicklung des räumliche Sehens in diesem Alter abgeschlossen sein (Stereosehen).

Übung  

Schlussfolgerungen

Die Anlage zum Sehen ist also prinzipiell zunächst einmal in jedem gesunden Menschen angelegt, genauso wie die Fähigkeit zu laufen. Aber ebenso wie das Laufen muss auch das Sehen erst erlernt, geübt und trainiert werden. Bei gesunden Kindern geschieht das gewissermaßen im Vorübergehen. Sie entwickeln sich altersgemäß und in ihrer regelrechten Entwicklung wird das Sehen genauso wie das Laufen und das Sprechen automatisch erworben. Mit der Eroberung ihrer Umwelt einher geht das Sammeln von visuellen Eindrücken und somit das Bestücke ihrer unterschiedlichen Landkarten, die ihnen als Orientierung für ihr gesamtes weiteres Leben dienen werden.

Sind diese visuellen Eindrücke aufgrund einer Sehschädigung jedoch nur bruchstückhaft, verschwommen oder verzerrt, kann auch die Sehentwicklung nie ungestört ablaufen. Fachleute schätzen, dass drei von 10.000 Kindern unter sechs Jahren eine solche gravierende Sehbeeinträchtigung haben und nicht einmal 10% davon überhaupt bekannt sind. Bleibt eine Sehschwäche aber unentdeckt, wird nicht nur die Entwicklung des Sehens, sondern auch die allgemeine Entwicklung des Kindes nachhaltig beeinträchtigt.

Eltern fragen sich deshalb zu Recht, auf welche Warnzeichen sie achten müssen, um eine eventuell bestehende Sehbeeinträchtigungen bei ihrem Kind frühzeitig zu erkennen.

Praxistipps – Worauf sollten Fachpersonen und Eltern achten?

Fehlentwicklungen beim Laufenlernen fallen wesentlich früher auf als beim Sehenlernen. Vorbeugung und Früherkennung von Sehbeeinträchtigung sind bei Kindern deshalb ausgesprochen wichtig. Wenn Kinder fehlsichtig sind oder sogar eine Sehbehinderung haben, ist das für Eltern oder Außenstehende nämlich oft nicht leicht zu erkennen. Da Babys und Kleinkinder ihre Beeinträchtigung weder entsprechend wahrnehmen noch äußern können, kommt es häufig bei Eltern und Ärzten zu Fehleinschätzungen und zu Fehldiagnosen, wenn sie sich langsamer entwickeln als andere Gleichaltrige.

Auch ältere Kinder haben vor der Verordnung ihrer ersten Brille keinen Vergleich zwischen scharf und unscharf. Erst eine Reduzierung der Sehschärfe auf ca. 0.1-0.3 wird für die Eltern in der Regel überhaupt bemerkbar. Je höher die Anforderungen an die Sehleistung werden, desto eher wird eine Einschränkung erkannt. Bei Schulkindern, die Buchstaben und Zahlen erkennen müssen, zeigen sich Auffälligkeiten deshalb bereits bei einer Sehschärfe zwischen 0.4 und 0.7.

Auffälligkeiten bei Neugeborenen (erste Lebensmonate)

  • verschieden große Lidöffnungen oder Pupillen
  • auffällig große oder unterschiedlich große Augen
  • Lidveränderungen, z.B. hängende Lider
  • außergewöhnliche Lichtscheu und Blendempfindlichkeit
  • keine Reaktion auf Licht
  • zwanghaftes Schauen in Lichtquellen
  • häufiges Tränen oder Verkleben der Augen
  • anhaltende oder häufige Rötungen der Augen
  • getrübte Hornhaut
  • grau-gelbe oder weiße statt tiefschwarze Pupille
  • Schielen (auch nur leicht oder gelegentlich nach dem 4.-6. Lebensmonat, bei 

    ständigem Schielen bereits vorher)

  • Augenzittern oder ständiges Bewegen eines der Augen
  • kein Blickkontakt nach der 4.-6. Lebenswoche
  • die Augen werden mehr geschlossen als geöffnet gehalten
  • der Kopf ist ständig nach unten geneigt
  • der Kopf wird hin- und herbewegt, um etwas zu erkennen
  • kein Lidschluss bei plötzlichen Bewegungen vor den Augen
  • häufiges Augenreiben oder Augenbohren
  • häufiges Blinzeln und Zusammenkneifen der Augen
  • der Kopf wird nur in Verbindung mit Geräuschen gedreht
  • Reize von außen werden sehr spät wahrgenommen (bei Gesichtsfelddefekten)
  • der Eindruck, das Kind schaut an einem vorbei

Liegt auch nur der geringste Verdacht auf eine Sehschwäche vor, ist die sofortige Vorstellung bei einem Augenarzt, der die Familie eventuell in eine Augenklinik überweist, unumgänglich.

Bei bereits in der Familie bekannten Augenerkrankungen, bei Entwicklungsverzögerungen oder nach einer Frühgeburt sollte das Kind auch ohne Auffälligkeiten bereits zwischen dem 6. und 12. Lebensmonat dem Augenarzt vorgestellt werden.

Auffälligkeiten bei Klein- und Vorschulkindern

  • zwanghaftes Schiefhalten des Kopfes beim Fixieren eines Spielzeugs oder beim Betrachten von Bilderbüchern
  • häufiges Vorbeigreifen
  • sehr nahes Herangehen an Spielsachen
  • Spielsachen werden sehr dicht vor die Augen gehalten
  • Anecken oder Stolpern
  • Übersehen von Treppenstufen
  • beim Wechsel von Bodenbelägen hebt das Kind den Fuß, so als ob es eine Stufe gehen wollte
  • keine Reaktion auf Mimik, wenn die Person einige Meter entfernt ist
  • Meiden von Spielen, die genaues Hinsehen und eine exakte Auge-Hand-Koordination erfordern, z.B. Perlen auffädeln, Steckspiele
  • kein Pinzettengriff nach dem 2. Geburtstag (Greifen mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger)
  • Probleme, die Verschlusshülse von Filzstiften passgenau aufzusetzen 

 

 

 

Lizenz

Entwicklungspsychologische Grundlagen bei Blindheit und Sehbeeinträchtigung Copyright © 2021 Fabian Winter. Alle Rechte vorbehalten.

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