{"id":27,"date":"2019-07-10T08:58:26","date_gmt":"2019-07-10T06:58:26","guid":{"rendered":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/begabtenfoerderung\/chapter\/auffassungen-von-hochbegabung\/"},"modified":"2022-01-04T17:00:11","modified_gmt":"2022-01-04T16:00:11","slug":"auffassungen-von-hochbegabung","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/zuugs.hfh.ch\/begabtenfoerderung\/chapter\/auffassungen-von-hochbegabung\/","title":{"raw":"Auffassungen von Hochbegabung","rendered":"Auffassungen von Hochbegabung"},"content":{"raw":"<h1>Dar\u00fcber, was eine Hochbegabung ist, gibt es unterschiedliche Meinungen. Die US-amerikanische Lesart unterscheidet sich stark von jener im deutschsprachigen Raum.<\/h1>\r\nIn den meisten einschl\u00e4gigen Werken zur Hochbegabung steht geschrieben, dass mittlerweile \u00fcber hundert verschiedene Definitionen von Hochbegabung und eine Reihe von Modellen zur Begabungsentwicklung existierten. Doch so schwierig ist es gar nicht, den \u00dcberblick zu wahren. M\u00f6gen sich die Ansichten n\u00e4mlich in Details auch unterscheiden, zeigt eine n\u00e4here Analyse, dass alle in mindestens drei Punkten \u00fcbereinstimmen:\r\n<ul>\r\n \t<li>Eine Hochbegabung wird als F\u00e4higkeit zur Hochleistung betrachtet; eine Hochbegabung ist also immer bezogen auf eine ganz bestimmte Leistung.<\/li>\r\n \t<li>Eine Hochbegabung allein reicht nicht aus, um \u00fcberdurchschnittliche Leistungen erbringen zu k\u00f6nnen. Die Wissenschaftler w\u00fcrden sagen: Sie ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend.<\/li>\r\n \t<li>Vielmehr sind f\u00fcr das Erbringen \u00fcberdurchschnittlicher Leistungen (z.B. in der Schule) bestimmte Pers\u00f6nlichkeits- und Umweltmerkmale erforderlich.<\/li>\r\n<\/ul>\r\nSoweit der Konsens. Die einzelnen Modelle unterscheiden sich nun darin, welche Merkmale sie genau hervorheben, wenn es darum geht, herausragende Leistungen zu erkl\u00e4ren. Dar\u00fcber hinaus gibt es aber noch einen fundamentalen Unterschied darin, die eine Hochbegabung konzeptualisiert wird, ungeachtet aller Einigkeit in den Einzelheiten. Am besten l\u00e4sst sich dies mit dem Kontrast zwischen der US-amerikanischen \"Philosophie\" und jener in Deutschland zeigen.\r\n\r\nF\u00fcr den US-amerikanischen Zugang sei das drei-Ringe-Modell von Joseph Renzulli dargestellt (s. Bild). Dabei f\u00e4llt auf, dass hier nicht von \"Hochbegabung\" die Rede ist, sondern von \"hochbegabtem Verhalten\". Die Grundidee: Jeder kann ein solches Verhalten zeigen - aber nur zu einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten Situation und in einem klar abgegrenzten Gebiet. Findet man diese \"Nische\" f\u00fcr sich, zeigt man ein hohes Engagement und Kreativit\u00e4t, gepaart mit \u00fcberdurchschnittlichen F\u00e4higkeiten in diesem Gebiet, kurz: man zeigt hochbegabtes Verhalten.\r\n\r\n<a href=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabtenfoerderung_renzulli_0-1@2x.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img class=\"size-full aligncenter\" src=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabtenfoerderung_renzulli_0-1@2x.jpg\" \/><\/a>\r\n\r\nJeder kann hochbegabtes Verhalten zeigen? Nichts liegt den Machern des M\u00fcnchner Modells der Hochbegabung ferner als diese Aussage. Vielmehr haben sie in zahlreichen Studien Merkmale identifiziert, die Hochleistende auszeichnen. Es sind dies eine hohe, aber nicht notwendigerweise sehr hohe Intelligenz (IQ von 115 oder mehr) sowie bestimmte Pers\u00f6nlichkeits- und Umweltmerkmale (s. Bild). Hochbegabung meint nach diesem Ansatz also jene Menschen, die mit grosser Wahrscheinlichkeit herausragende Leistungen zeigen werden - und jene Kinder und Jugendlichen, die diese Merkmale aufweisen, sollen speziell gef\u00f6rdert werden (\"Exzellenzf\u00f6rderung\").\r\n\r\n<a href=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabtenfoerderung_muenchen_0-1@2x.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img class=\"size-full aligncenter\" src=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabtenfoerderung_muenchen_0-1@2x.jpg\" \/><\/a>\r\n\r\nAus p\u00e4dagogischer Sicht ist es eine konzeptuelle Frage, f\u00fcr welchen Ansatz man sich entscheidet: Diejenigen zu f\u00f6rdern, die schon herausragende Leistungen erbringen bzw. sie mit hoher Wahrscheinlichkeit erbringen werden (M\u00fcnchner Modell) oder ob man sich ganz grunds\u00e4tzlich der Aufgabe widmen m\u00f6chte, f\u00fcr jedes Kind das Gebiet zu finden, in dem es besonders gut ist, ja, besser als die meisten anderen. Die erste Ausrichtung kann ganz grob als Begabtenf\u00f6rderung, die zweite als Begabungsf\u00f6rderung etikettiert werden. Aus heilp\u00e4dagogischer Sicht sind beide interessant: Mit dem M\u00fcnchner Modell k\u00f6nnen Faktoren identifiziert werden, die erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum ein hochbegabtes Kind Minderleistungen erbringt. Und mit dem drei-Ringe-Modell ist es m\u00f6glich, die individuellen Begabungen aller Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler genau in den Blick zu nehmen.\r\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\"><header class=\"textbox__header\">\r\n<p class=\"textbox__title\">Fazit<\/p>\r\n\r\n<\/header>\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n<ol>\r\n \t<li>Hochbegabung steht immer in einem Zusammenhang zu einer Hochleistung und muss davon unterschieden werden.<\/li>\r\n \t<li>Das drei-Ringe-Modell aus dem US-amerikanischen Raum tr\u00e4gt die Grundidee in sich, dass alle Menschen in irgendeinem Gebiet \"hochbegabtes Verhalten\" zeigen k\u00f6nnen.<\/li>\r\n \t<li>Das M\u00fcnchner Modell identifiziert Pers\u00f6nlichkeits- und Umweltmerkmale, die die Wahrscheinlichkeit herausragender Leistungen erh\u00f6hen.<\/li>\r\n<\/ol>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"textbox textbox--examples\"><header class=\"textbox__header\">\r\n<p class=\"textbox__title\">Vertiefung<\/p>\r\n\r\n<\/header>\r\n<div class=\"textbox__content\">\r\n\r\nLesen Sie in der Brosch\u00fcre \"<a href=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabungsfoerderung_faq_1_24.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">FAQs zur Begabungs- und Begabtenf\u00f6rderung<\/a>\" vom \u00d6sterreichischen Zentrum f\u00fcr Begabtenf\u00f6rderung und Begabungsforschung das Kapitel 1 zum Thema \"Was ist Hochbegabung?\" (17 Seiten). Wie entsteht eine Hochbegabung - und was kann deren Entfaltung erschweren?\r\n\r\n<\/div>\r\n<\/div>","rendered":"<h1>Dar\u00fcber, was eine Hochbegabung ist, gibt es unterschiedliche Meinungen. Die US-amerikanische Lesart unterscheidet sich stark von jener im deutschsprachigen Raum.<\/h1>\n<p>In den meisten einschl\u00e4gigen Werken zur Hochbegabung steht geschrieben, dass mittlerweile \u00fcber hundert verschiedene Definitionen von Hochbegabung und eine Reihe von Modellen zur Begabungsentwicklung existierten. Doch so schwierig ist es gar nicht, den \u00dcberblick zu wahren. M\u00f6gen sich die Ansichten n\u00e4mlich in Details auch unterscheiden, zeigt eine n\u00e4here Analyse, dass alle in mindestens drei Punkten \u00fcbereinstimmen:<\/p>\n<ul>\n<li>Eine Hochbegabung wird als F\u00e4higkeit zur Hochleistung betrachtet; eine Hochbegabung ist also immer bezogen auf eine ganz bestimmte Leistung.<\/li>\n<li>Eine Hochbegabung allein reicht nicht aus, um \u00fcberdurchschnittliche Leistungen erbringen zu k\u00f6nnen. Die Wissenschaftler w\u00fcrden sagen: Sie ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend.<\/li>\n<li>Vielmehr sind f\u00fcr das Erbringen \u00fcberdurchschnittlicher Leistungen (z.B. in der Schule) bestimmte Pers\u00f6nlichkeits- und Umweltmerkmale erforderlich.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Soweit der Konsens. Die einzelnen Modelle unterscheiden sich nun darin, welche Merkmale sie genau hervorheben, wenn es darum geht, herausragende Leistungen zu erkl\u00e4ren. Dar\u00fcber hinaus gibt es aber noch einen fundamentalen Unterschied darin, die eine Hochbegabung konzeptualisiert wird, ungeachtet aller Einigkeit in den Einzelheiten. Am besten l\u00e4sst sich dies mit dem Kontrast zwischen der US-amerikanischen &#8220;Philosophie&#8221; und jener in Deutschland zeigen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den US-amerikanischen Zugang sei das drei-Ringe-Modell von Joseph Renzulli dargestellt (s. Bild). Dabei f\u00e4llt auf, dass hier nicht von &#8220;Hochbegabung&#8221; die Rede ist, sondern von &#8220;hochbegabtem Verhalten&#8221;. Die Grundidee: Jeder kann ein solches Verhalten zeigen &#8211; aber nur zu einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten Situation und in einem klar abgegrenzten Gebiet. Findet man diese &#8220;Nische&#8221; f\u00fcr sich, zeigt man ein hohes Engagement und Kreativit\u00e4t, gepaart mit \u00fcberdurchschnittlichen F\u00e4higkeiten in diesem Gebiet, kurz: man zeigt hochbegabtes Verhalten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabtenfoerderung_renzulli_0-1@2x.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full aligncenter\" src=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabtenfoerderung_renzulli_0-1@2x.jpg\" alt=\"image\" \/><\/a><\/p>\n<p>Jeder kann hochbegabtes Verhalten zeigen? Nichts liegt den Machern des M\u00fcnchner Modells der Hochbegabung ferner als diese Aussage. Vielmehr haben sie in zahlreichen Studien Merkmale identifiziert, die Hochleistende auszeichnen. Es sind dies eine hohe, aber nicht notwendigerweise sehr hohe Intelligenz (IQ von 115 oder mehr) sowie bestimmte Pers\u00f6nlichkeits- und Umweltmerkmale (s. Bild). Hochbegabung meint nach diesem Ansatz also jene Menschen, die mit grosser Wahrscheinlichkeit herausragende Leistungen zeigen werden &#8211; und jene Kinder und Jugendlichen, die diese Merkmale aufweisen, sollen speziell gef\u00f6rdert werden (&#8220;Exzellenzf\u00f6rderung&#8221;).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabtenfoerderung_muenchen_0-1@2x.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full aligncenter\" src=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabtenfoerderung_muenchen_0-1@2x.jpg\" alt=\"image\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aus p\u00e4dagogischer Sicht ist es eine konzeptuelle Frage, f\u00fcr welchen Ansatz man sich entscheidet: Diejenigen zu f\u00f6rdern, die schon herausragende Leistungen erbringen bzw. sie mit hoher Wahrscheinlichkeit erbringen werden (M\u00fcnchner Modell) oder ob man sich ganz grunds\u00e4tzlich der Aufgabe widmen m\u00f6chte, f\u00fcr jedes Kind das Gebiet zu finden, in dem es besonders gut ist, ja, besser als die meisten anderen. Die erste Ausrichtung kann ganz grob als Begabtenf\u00f6rderung, die zweite als Begabungsf\u00f6rderung etikettiert werden. Aus heilp\u00e4dagogischer Sicht sind beide interessant: Mit dem M\u00fcnchner Modell k\u00f6nnen Faktoren identifiziert werden, die erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum ein hochbegabtes Kind Minderleistungen erbringt. Und mit dem drei-Ringe-Modell ist es m\u00f6glich, die individuellen Begabungen aller Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler genau in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<div class=\"textbox textbox--key-takeaways\">\n<header class=\"textbox__header\">\n<p class=\"textbox__title\">Fazit<\/p>\n<\/header>\n<div class=\"textbox__content\">\n<ol>\n<li>Hochbegabung steht immer in einem Zusammenhang zu einer Hochleistung und muss davon unterschieden werden.<\/li>\n<li>Das drei-Ringe-Modell aus dem US-amerikanischen Raum tr\u00e4gt die Grundidee in sich, dass alle Menschen in irgendeinem Gebiet &#8220;hochbegabtes Verhalten&#8221; zeigen k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Das M\u00fcnchner Modell identifiziert Pers\u00f6nlichkeits- und Umweltmerkmale, die die Wahrscheinlichkeit herausragender Leistungen erh\u00f6hen.<\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textbox textbox--examples\">\n<header class=\"textbox__header\">\n<p class=\"textbox__title\">Vertiefung<\/p>\n<\/header>\n<div class=\"textbox__content\">\n<p>Lesen Sie in der Brosch\u00fcre &#8220;<a href=\"https:\/\/onlinekurse.hfh.ch\/customer\/files\/258\/begabungsfoerderung_faq_1_24.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">FAQs zur Begabungs- und Begabtenf\u00f6rderung<\/a>&#8221; vom \u00d6sterreichischen Zentrum f\u00fcr Begabtenf\u00f6rderung und Begabungsforschung das Kapitel 1 zum Thema &#8220;Was ist Hochbegabung?&#8221; (17 Seiten). 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